Leitplanken für die Kryptowelt

Kommentar von Alexander Höptner, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung der Boerse Stuttgart GmbH

Die digitale Verbriefung von Gütern und Rechten als Krypto-Assets hat das Potential, den Kapitalmarkt tiefgreifend zu verändern. Die zugrundeliegende Distributed-Ledger- oder Blockchain-Technologie ermöglicht es, bestehende Finanzprodukte in die digitale Welt zu überführen und neue, digitale Produkte zu gestalten. Der Wandel umfasst alle Stufen der Wertschöpfungskette – vom Marktzugang für Anleger und Emittenten über den Handel bis hin zur Verwahrung. Die grundlegende Funktionsweise des Kapitalmarktes bleibt bestehen, aber die Aufgaben traditioneller Akteure verändern sich und neue Rollen entstehen.

Zur weiteren Entfaltung von Krypto-Assets sind eindeutige, transparente und technologieneutrale rechtliche Rahmenbedingungen notwendig. Ziel ist ein praxistaugliches Regelwerk, das Innovationen ermöglicht und Anlegerschutz gewährleistet. In Deutschland verhindert die nationale Gesetzeslage derzeit noch die digitale Verbriefung von Wertpapieren. Deshalb ist eine Anpassung und Öffnung des deutschen Wertpapierrechts nötig: Die digitale Globalurkunde sollte neben die bisher zwingende Verkörperung in Form einer physischen Urkunde treten. Dabei reicht eine Neuregelung für digitale Schuldverschreibungen nicht aus. Aktien und andere Wertpapiere müssen ebenfalls von Anfang an einbezogen werden, damit Anleger und Emittenten auch in der digitalen Welt Zugriff auf die gesamte Bandbreite an Investment- und Finanzierungsmöglichkeiten haben. Mit nationalen Regelungen kann Deutschland hier eine Vorreiterrolle einnehmen, um Rechtssicherheit zu schaffen und seine Position als Digitalisierungsstandort zu stärken. Langfristig muss allerdings ein globaler oder zumindest europäischer Regulierungsrahmen für die Emission, den Handel und die Verwahrung von Krypto-Assets definiert werden.

Alexander Höptner
Alexander Höptner

Verlässliche Leitplanken für Krypto-Assets wären auch im Sinne der Anleger, denen sich ein breites Spektrum an neuen Investmentmöglichkeiten erschließt. Ein Beispiel sind digitale Token, die für Projektfinanzierungen herausgegeben werden: Sie ermöglichen zuvor nicht darstellbare, zielgerichtete Investitionen und eine direkte Beteiligung am Projekterfolg. Dabei lässt sich der Investitionsumfang dank der flexiblen Token-Ausgestaltung variieren. Gerade Privatanleger können so auch kleinere Beträge investieren und eine angemessene Diversifikation umsetzen.

Allerdings sind Politik und Regulatoren gefragt, private wie institutionelle Anleger auch vor den Risiken von Krypto-Assets zu schützen. Hierfür gelten zwei Grundvoraussetzungen aus dem traditionellen Kapitalmarkt: Erstens benötigen Anleger angemessene und verständliche Informationen. Zweitens müssen wirkungsvolle Möglichkeiten zur rechtlichen Durchsetzung von Anlegerinteressen geschaffen werden, um vor missbräuchlichen Praktiken unseriöser Anbieter zu schützen.

Bei der Regelsetzung müssen die unterschiedlichen Arten von Krypto-Assets getrennt betrachtet werden. Security Token, die wie klassische Wertpapiere ausgestaltet sind, werden bereits heute als Finanzinstrumente im Sinne der EU-Finanzmarktrichtlinie MiFID II eingestuft und unterliegen der entsprechenden Regulierung. Bei Utility Token, in denen die unterschiedlichsten Rechte und Güter digital abgebildet werden, und bei Payment Token wie Bitcoin ist dies nicht der Fall. Hier sind also regulatorische Vorgaben nötig, um den Anlegerschutz zu wahren.

Für Utility Token müssen einheitliche Mindeststandards und Qualitätsanforderungen für die Emission geschaffen werden. „Whitepaper“ von Emittenten in ihrer aktuellen Form sind nicht ausreichend. Hier sind die Emittenten in die Pflicht zu nehmen, Anleger angemessen, transparent und verständlich zu informieren.

Für Payment Token haben Vorgaben für Handelsplätze und Verwahrer höchste Priorität. Dazu gehören klar definierte Prozesse für den Identitätsnachweis der Kunden, Maßnahmen zur Bekämpfung von Geldwäsche und Mindeststandards zur Robustheit der technischen Systeme sowie zum Notfallmanagement. Im Handel können zudem eine unabhängige Überwachung, transparente Kursinformationen und Mechanismen zur Liquiditätssicherung das Vertrauen der Anleger stärken.

Besondere Vorteile bieten Krypto-Assets mit Blick auf die Verwahrung: Die digitalen, fungiblen Güter ermöglichen schlanke und effiziente Prozesse. Durch ihre dezentrale und transparente Struktur reduziert die Blockchain-Technologie Abwicklungs- und Gegenparteirisiken. Für Regulatoren bietet sie zudem die Möglichkeit, Transaktionen mit geringem Aufwand detailliert nachzuverfolgen.

Die eindeutige Verwahrung von Krypto-Assets in digitalen Wallets bringt jedoch auch neue Herausforderungen mit sich: Der Verwahrer hat die Sicherheit der technischen Infrastruktur im Distributed-Ledger-System und auch darüber hinaus zu gewährleisten. Auch bei einem Ausfall des Verwahrers muss der Zugang zu den verwahrten Assets sichergestellt sein. Um Monopolstrukturen zu vermeiden, sollten Neuregelungen von Anfang an eine ausreichende Anzahl vertrauenswürdiger Akteure am Markt fördern. Diese können Regeländerungen in das System einarbeiten, Güter und Verträge in Token abbilden, Klassifizierungsstandards für Krypto-Assets anwenden und den Zugang zum dezentralen Register ermöglichen. Die Politik sollte Mindeststandards und Regeln für Verwahrer definieren, deren Anwendung dann die Aufsichtsbehörden überprüfen. Der unlängst vorgelegte Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Umsetzung der fünften EU-Geldwäscherichtlinie ist ein zu begrüßender erster Schritt: Die Verwahrung von Krypto-Assets soll ab 2020 als Finanzdienstleistung eingestuft werden und damit der entsprechenden behördlichen Aufsicht unterliegen.

Ob Marktzugang, Handel oder Verwahrung: Bei Krypto-Assets entwickeln zahlreiche Akteure vielversprechende Lösungen, die Mehrwert für die Marktteilnehmer schaffen. Damit sie ihr volles Potenzial entfalten können, sind allerdings geeignete rechtliche Leitplanken nötig – je schneller sie kommen, desto besser. Denn Unternehmen und Anleger wollen nicht warten: Dafür liegen die Chancen bei Krypto-Assets schon heute zu klar auf der Hand.