Mehr Fairness statt maximaler Geschwindigkeit

von Dragan Radanovic, Geschäftsführer der Boerse Stuttgart GmbH

Geschwindigkeit ist heute ein entscheidendes Kriterium im Wertpapierhandel. Die Uhren vieler Börsen ticken im Mikrosekundentakt – sie haben sich damit auf professionelle Hochfrequenzhändler eingestellt, die möglichst schnell und automatisch Orders einstellen, ändern und löschen wollen. In Deutschland dürfte Schätzungen zufolge der Anteil des algorithmischen Handels bei etwa 60 Prozent liegen. Darunter fällt auch der Hochfrequenzhandel, der kontinuierlich zunimmt.

Doch der technologische Wettlauf um immer größere Geschwindigkeit ist nicht alternativlos. Wie jüngst der Presse zu entnehmen war, plant etwa die Deutsche Börse an ihrer Derivatebörse EUREX ab Juni eine sechsmonatige Pilotphase für bestimmte Aktienoptionen mit einer Verlangsamung der Orderausführung um eine Millisekunde. So solle langsameren Handelsteilnehmern Zeit gegeben werden, ihre Positionen im Orderbuch zu prüfen und zu aktualisieren. Die Maßnahme wurde auch damit begründet, einen fairen und transparenten Markt für die Endkunden bereitzustellen.
Wenn der technische Vorsprung von Hochfrequenzhändlern bereits die professionellen Marktteilnehmer an der EUREX umtreibt, so ist die Diskrepanz zu den Möglichkeiten von Privatanlegern im Wertpapierhandel noch viel größer.

Zwar profitieren Privatanleger auch von automatisch generierten Wertpapierorders, weil diese die Liquidität im Markt erhöhen. Auf der anderen Seite müssen sie aber oft Abstriche beim Ausführungspreis machen: Ohne Computerunterstützung und schnelle Datenleitungen kommen Privatanleger nicht als Erste zum Zug, wenn sie Wertpapiere handeln. Das mag sich ein bisschen so anfühlen wie für einen Sportler, der trotz hartem Training den ersten Platz an einen gedopten Konkurrenten verliert.

Um einen fairen Handel mit gleichen Bedingungen für alle Teilnehmer schaffen, haben wir Chancengleichheit fest in unserem Marktmodell verankert. Wir wollen Privatanleger auf Augenhöhe mit professionellen Investoren bringen, selbst wenn deren technische Möglichkeiten besser sind. Eine künstliche Bremse ist dafür nicht nötig: Der Handel wird entschleunigt, indem Kundenorders gebündelt und dann in kurzer Abfolge über eine Auktion ausgeführt werden. Zeitvorteile durch algorithmischen Handel gibt es bei uns nicht: Alle Anleger haben hier das Recht auf Gleichbehandlung bei der Preisermittlung.

Das Ziel der fortlaufenden Auktion lässt sich in fünf Worten zusammenfassen: Sie ermittelt den fairsten Preis. Hierfür stellt das Auktionsprinzip sicher, dass alle in einer bestimmten Zeitspanne eingehenden Orders mit gleichem Limit gleich behandelt werden – unabhängig davon, wer seinen Auftrag zuerst aufgibt. Ob also eine Order eine Mikrosekunde früher oder später eintrifft, hat keine Bedeutung. Vielmehr kommt es auf das Limit an. Sind alle Aufträge gesammelt, wird der Preis ermittelt, der die Aufträge nach klar definierten Regeln ins Gleichgewicht bringt. Das Ergebnis ist der fairste Preis für alle.

Dabei geht das Auktionsprinzip nur geringfügig zulasten der Geschwindigkeit. Die meisten fortlaufenden Auktionen an der Börse Stuttgart sind sekundenschnell zu Ende. Dank leistungsfähiger IT-Systeme ist selbst eine Orderausführung in 200 Millisekunden möglich. Bei illiquideren Papieren kann es aber auch mal fünf Minuten dauern, bis sich ein fairer Preis gefunden hat.

Das zeigt: Geschwindigkeit ist relativ. Das Motto „Je schneller, desto bes-ser“ gilt im Wertpapierhandel nicht immer. Ist eine möglichst schnelle Ausführung bei derivativen Hebelprodukten hochrelevant, kommt es beispielsweise im Anleihehandel darauf nicht zwingend an. Mitunter kann Geschwindigkeit für den Markt sogar schädlich sein: Insbesondere bei unvorhergesehenen Nachrichten, illiquiden beziehungsweise spezielleren Wertpapieren und bei großen Orders macht es Sinn, vor der Preisermittlung erst einmal Angebot und Nachfrage und damit Liquidität zu bündeln. Abwarten und Preisinformationen veröffentlichen, damit die Marktteilnehmer die Lage bewerten und reagieren können – das ist die Prämisse.

Die fortlaufende Auktion ist untrennbar mit unserem hybriden Marktmodell verbunden. Diese Symbiose aus Mensch und Maschine kombiniert Chancengleichheit mit hoher Preis- und Handelsqualität. Im Gegensatz zu vollautomatischen Plattformen sind bei uns Experten in den elektronischen Handel eingebunden: Sie übernehmen Aufgaben, die kein Computer bewältigen kann. Unsere Handelsexperten prüfen Orders auf Plausibilität und stellen bei Bedarf zusätzliche Liquidität bereit. Dabei halten ihnen handelsunterstützende Systeme den Rücken frei, die zum Beispiel Kursdaten aufbereiten, Orderlimits überwachen und viele Aufträge auch direkt automatisch ausführen. So können unsere Handelsexperten stets das Wesentliche im Blick haben: faire Bedingungen und hohe Handelsqualität für Privatanleger.

Dragan Radanovic
Dragan Radanovic