Finanznachrichten

ANALYSE/Konsolidierung unter Europas Banken tritt auf der Stelle

22.09.2017 - 09:24 Uhr


Von Paul J. Davies

LONDON (Dow Jones)--Dem fragmentierten europäischen Bankensektor würde laut dem Urteil der meisten Branchenbeobachter eine Konsolidierung guttun. Investoren, Manager, Regulierer und Politiker haben jedoch Schwierigkeiten, sich auf Fusionen und Übernahmen einzulassen. Einmal mehr steht die Commerzbank im Zentrum von Marktspekulationen, da die Bundesregierung auf längere Sicht ihren Restanteil von 15,6 Prozent - ein Erbe der Finanzkrise - abgeben will.

Doch aufkeimende Übernahmegerüchte werden gleich wieder zunichte gemacht: Eine Sprecherin des Finanzministeriums sagte am Donnerstag: "Wir stehen nicht unter Zeitdruck." In der Wirtschaftswoche hatte es geheißen, der Bund favorisiere einen Zusammenschluss der Commerzbank mit der französischen BNP Paribas. Diese politische Lösung wäre auch ein Signal für eine Vertiefung der europäischen Bankenunion. "Die Berichterstattung in der Wirtschaftswoche ist nicht zutreffend", stellte aber die Ministeriumssprecherin klar. "Es laufen keine Verhandlungen und wir haben keine Investmentbank beauftragt."

Seit Finanzkrise kein großer Bankenzusammenschluss in Europa

In der Tat: Seit der Finanzkrise gab es in Europa keinen großen Zusammenschluss unter den Banken. Daran ändert auch das beharrliche Trommeln von Vertretern der Europäischen Zentralbank (EZB) und Bankenaufsehern für eine Konsolidierung wenig. Das Problem ist schnell benannt. Die Branche leidet wegen ultraniedriger Zinsen, hohen Kosten und zu vieler Filialen unter einer beklagenswert niedrigen Rentabilität. Die EZB sieht eine Lösung in einer Konsolidierung innerhalb der Euroländer. Zugleich plädiert sie mit Blick auf einen gemeinsamen Bankenmarkt in der Eurozone vor allem auch für grenzüberschreitende Transaktionen.

Doch Politiker - allen voran die in Deutschland - zögern, da sie fürchten, ihre Steuerzahler müssten für unverantwortliches Handeln in anderen Euroländern geradestehen. Die Ironie daran: Ausgerechnet die deutschen Geldhäuser weisen mit die geringste Rentabilität und den höchsten Reformbedarf auf. Daten der Weltbank untermauern die schwachen Durchschnittsrenditen im Vergleich zu anderen Ländern. Zudem ergab eine Umfrage deutscher Bankenaufseher, dass die deutschen Banker mit noch miserableren Gewinnen rechnen.

Starke Rolle des Staats Kernproblem des deutschen Bankensektors

Deutschlands Probleme sind einmalig in Europa. Sie sind der starken Position der Sparkassen, Genossenschafts- und Landesbanken geschuldet. Diese verzerren den Markt, indem sie Billigkredite anbieten, aber dafür den Sparern auch kaum Renditen überweisen. Das wiederum limitiert die Möglichkeiten der Geschäftsbanken, die für ihre Aktionäre möglichst hohe Gewinne erwirtschaften müssen. Regulierer fürchten schon für die langfristige Nachhaltigkeit des Bankensektors in der bei weitem größten Ökonomie Europas.

Dem Branchenprimus Deutsche Bank fällt es - anders als vielen Rivalen - auch gerade deswegen so schwer, sich von der Finanzkrise endgültig zu befreien, da die Bank weder bei Kleinkunden noch bei betuchter Kundschaft über ein lukratives Geschäft verfügt. Das wäre angesichts eines kränkelnden Investmentbanking aber von großem Vorteil.

Ausverkauf der Commerzbank ergibt in vielerlei Hinsicht Sinn

Zugleich wäre Unicredit ein vielversprechender Eigner für die Commerzbank. Sie ist mit der Hypovereinsbank bereits im deutschen Markt gut aufgestellt. Eine Verschmelzung würde die Kapazitäten auf dem deutschen Bankenmarkt reduzieren, Kosten für die Unicredit verringern und generell den Wettbewerb stärken. Doch ein solcher Schritt brauchte viel Geduld. Die Italiener dürften an einem Kauf auch kaum interessiert sein, solange sie ihren eigenen Umbau nicht abgeschlossen haben, der noch bis Ende 2019 anhalten sollte.

BNP würde vom starken Standbein der Commerzbank in der deutschen Industrie profitieren können. Doch die Franzosen zögern mit großen Fusionen, da mehr Größe und Komplexität postwendend in höheren Kapitalauflagen resultiert.

Ball liegt auf der Seite von Berlin

Irgendjemand sollte letztendlich bei der Commerzbank zugreifen. Seit 2011 kommt das Geldhaus so gut wie nicht über die Hälfte seines Buchwerts hinaus. Doch für einen Kauf müsste die Politik in Berlin von ihrer wegkommen, Risiken in der Eurozone zu teilen. Außerdem wären Manager davon zu überzeugen, dass sie nicht zusätzliches Kapital brauchen und am wichtigsten: Die deutschen Banken bedürfen wieder des Vertrauens der Finanzmärkte. Anleger sollten da bloß nicht allzulange den Atem anhalten.

Kontakt zum Autor: unternehmen.de@dowjones.com

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