Finanznachrichten

Autobauer umwerben nach Aufhebung des Fahrverbots saudische Frauen

05.10.2017 - 14:40 Uhr


Von Nicolas Parasie und Margherita Stancati

FRANKFURT (Dow Jones)--Die historische Entscheidung Saudi-Arabiens, Frauen das Autofahren zu erlauben, hat den Fahrzeugbauern einen großen Markt für künftiges Wachstum erschlossen. Der Wettbewerb hat bereits begonnen: Innerhalb weniger Tage nach dem Dekret König Salmans, das eine der tiefgreifendsten sozialen Reformen des zutiefst konservativen Königreichs ankündigte, begrüßten und umwarben westliche und asiatische Hersteller ihre potenziellen neuen Kundinnen unter den acht Millionen erwachsenen saudischen Frauen auf Twitter.

Der Tweet der Volkswagen AG zeigte zwei mit Henna bemalte Hände in einer Haltung, als ob sie ein Lenkrad umklammern würden, mit den Worten "Ich bin an der Reihe".

Der BMW Mini-Cooper veröffentlichte ein Video, auf dem ein Auto von einem Parkplatz ausparkt, der "reserviert für Frauen" ist.

Die Ford Motor Co twitterte ein Foto von den Augen einer Frau, die in den Rückspiegel blickt, wobei der Hintergrund schwarz ist. Das Bild ähnelt einer Frau in einem Nikab, den Gesichtsschleier, den viele saudische Frauen tragen.

"Wir freuen uns auf eine neue Generation von Frauen auf dem Fahrersitz", sagte Thierry Sabbagh, Managing Director von Ford Middle East.

Bislang dominieren Hersteller aus Asien den Markt

In dem frühen Kampf um die Gunst möglicher Käufer spiegelt sich der scharfe Wettbewerb bei den Herstellern um Marktanteile in der größten Volkswirtschaft des Nahen Ostens. Bislang dominierten asiatische Hersteller den zweitgrößten Automobilmarkt in der Region nach dem Iran - dessen Bevölkerung fast dreimal so groß ist.

Der Neuwagenabsatz in Saudi-Arabien hat sich allerdings abgeschwächt, weil die niedrigen Ölpreise die Wirtschaft und die Verbraucherausgaben belasteten. Die Neuwagenverkäufe sanken 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 21 Prozent auf 655.500 Fahrzeuge, wie aus Daten des Branchenverbandes Organization of Motor Vehicle Manufacturers hervorgeht.

Nicht alle Frauen in Saudi-Arabien wollen selbst fahren. Die Stigmatisierung von Frauen, die in dem ultrakonservativen Land fahren, und die ständige Verkehrsüberlastung in den Städten könnten dazu führen, dass viele Frauen sich weiterhin auf männlicher Verwandte oder Taxis verlassen, um sich fortzubewegen. Der Fahrdienstvermittler Uber und der lokale Konkurrent Careem haben angekündigt, in dem Königreich Fahrerinnen einzustellen. Und viele Frauen, die es sich leisten können, ausländische Fahrer zu behalten, von denen es über eine Million in dem Land gibt, dürften das auch weiterhin tun.

Aber laut Branchenexperten dürften autofahrende Frauen dem kriselnden saudischen Automarkt helfen. "Der (saudische) Automarkt wird anziehen und nach der Hälfte des Jahres 2018 einen positiven Ausblick haben", nachdem das Fahrverbot für Frauen im Juni 2018 aufgehoben werden wird, sagte Sabbagh von Ford Middle East.

In der Region dominierten laut Sabbagh große SUVs und Limousinen den Autoabsatz. Ford könnte aber die kleineren Modelle, die bei weiblichen Kunden beliebt seien, breiter verfügbar machen.

Nach Einschätzung des Marktforschers Frost & Sullivan dürften künftig bis zu 150.000 Frauen pro Jahr in dem Königreich den Führerschein machen. Die Zahl könne im ersten Jahr höher sein, da viele Frauen, vor allem die jüngeren, es eilig haben werden, sich hinter das Steuer zu setzen. Viele werden sich ein eigenes Auto kaufen wollen, schätzen die Marktforscher.

"Selbst wenn 50 Prozent der Frauen, die den Führerschein erhalten, sich für den Besitz eines Autos entscheiden ... wäre das ein solides Schub für den Neuwagenmarkt, entweder direkt oder über den Kauf von Gebrauchtwagen", sagte Vitali Bielski, ein Berater von Frost & Sullivan.

Neue Möglichkeit zur Positionierung

Bereits direkt nach der Verabschiedung des Dekrets von König Salman begannen einige Frauen in Saudi-Arabien darüber zu diskutieren, welches Auto sie kaufen würden.

Nachdem Aktivistin Sahar Nasif sagte, sie wolle einen Mustang kaufen, bot Ford an, ihr einen zu geben - ein Angebot, dass sie akzeptierte.

Die europäischen und amerikanischen Autobauer, die mit ihrem frühen Vorstoß Frauen umwerben, kämpfen zudem mit den dominanten asiatischen Marken um Marktanteile.

"Autokonzerne sehen eine neue Möglichkeit, sich selbst zu positionieren", sagte Marco Binenti, ein Einzelhandelsexperte des Forschungs- und Beratungsunternehmens Oxford Business Group.

Hyundai und Toyota kommen laut Frost & Sullivan gemeinsam auf einem Anteil von über 50 Prozent am saudischen Markt. Toyota twitterte das Bild einer Frau in einer traditionellen, alles umhüllenden Abaya, die neben dem Fahrersitz eines Autos steht.

Die saudische Regierung will das Verbot erst im Juni aufheben, aber die Vorbereitungen laufen schon. Die Princess-Noura-Universität des Landes kündigte am Wochenende die Einrichtung einer Fahrschule für Frauen an. Es dürfte die allererste im Königreich werden.

Die Aufhebung des Fahrverbotes für Frauen ist Teil eines langfristigen Reformplans von Kronprinz Mohammed bin Salman, um die ölabhängige Wirtschaft zu öffnen und die strengen sozialen Regeln des Landes zu lockern. Im Zuge des Reformplans will die Regierung mehr Frauen in Arbeit bringen. Ihnen das Fahren zu erlauben, wird ihnen den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern. Gut 1,5 Millionen saudische Frauen arbeiten derzeit.

"Wir wollen uns auf uns selbst verlassen", sagte die 30-jährige Amal Qa'ed bei dem Besuch einer Karrieremesse in Riad über das Dekret. "Wir wollen nicht von unseren Vätern oder Brüdern abhängig sein, die uns abholen oder irgendwohin bringen."

Kontakt zum Autor: unternehmen.de@dowjones.com

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