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Gastbeitrag von Ellwanger & Geiger · 03. Mai 2017

Brüchige Gesprächsfäden

Brüchige Gesprächsfäden
Quelle: blackboard1965 /Shutterstock
Abgerissen ist der Gesprächsfaden zwischen Angela Merkel und Wladimir Putin nie - aber das Verhältnis ist schwierig. Dabei täte etwas Entspannung vor dem G20-Gipfel gut.

Nun besuchte Frau Merkel also Herrn Putin nach zwei Jahren wieder einmal offiziell. Ziel der Reise war, den sehr lose nur noch an einem kleinen Fädchen zusammenhängenden Gesprächsfaden wieder etwas zu festigen und zu einem strafferen, festeren Faden zu verzwirnen. Inwieweit dies bei den nach wie vor bestehenden Sanktionen und den unterschiedlichen Beurteilungen der Lage in der Ukraine und Syrien möglich ist, bleibt abzuwarten. Immerhin bringt die deutsche Bundeskanzlerin neben den Krisenthemen auch wieder „normale“ Themen auf den Tisch, was die Beziehungen etwas entspannen könnte. Und Entspannung wird an Finanzmärkten vor dem anstehenden G20-Gipfel immer gerne gesehen.

USA: Nach dem Haushaltstreit ist vor dem Haushaltsstreit?

Was in den USA normal oder weniger normal ist, soll an dieser Stelle nicht entschieden werden. Normal scheint aber der immer wiederkehrende Haushaltsstreit zu sein, der in regelmäßigen Abständen die Funktionsfähigkeit der US-amerikanischen Verwaltung durch eine Budgetsperre bedroht. Immerhin war der Gesprächsfaden zwischen den Demokraten und den Republikanern noch so stark ausgeprägt, dass an ihm wechselseitig Erpressungsversuche und dann zum Glück Kompromissangebote hin und her geschickt wurden, bis letztendlich eine Einigung erzielt werden konnte. Interessant wird dabei sein, inwieweit dieser Gesprächsfaden bei den nächsten anstehenden wichtigen Steuer- und Infrastrukturthemen in den USA hält. Donald Trump zumindest muss von seinen Wahlkampfversprechen gewaltige Abstriche machen. Die Aktienbewertungen in den USA zehren noch von der Hoffnung auf massive Wirtschaftsimpulse durch Steuererleichterungen und Infrastrukturmaßnahmen und bleiben nurdeshalb auf ihren hohen Niveaus, weil sich die vielen Enttäuschungen und Abstriche, die Donald Trump in seinen Vorhaben bisher hinnehmenmusste, in ihren positiven und negativen Wirkungen die Waage halten. Denn vieles, was Investoren weltweit befürchteten (z. B. genereller Protektionismus durch eine „import tax“), scheint nicht umsetzbar.

Viele europäische Baustellen

Doch auch in Europa stimmt der Zustand mancher Gesprächsfäden bedenklich. Jener zwischen Brüssel und London hat sich bereits so auf gespleißt, dass auch hier mehr gerissene Fadenteile zur Seite weg stehen, als in der Mitte noch verbunden sind. Der Verlauf der Brexit-Gespräche kann nach der fadenscheinigen EU-Haushaltsblockade durch die Briten und dem wohl misslungenen Dinner Abend des EU Ratspräsidenten Juncker bei der britischen Ministerpräsidentin May als äußerst mühsam bezeichnet werden. Die ersten Bremsspuren sind in den UK-BIP-Wachstumszahlen zu sehen, eine weitere Schwächung des Pfunds ist wohl zu erwarten. Zwischen den beiden Stichwahlkandidaten für die französische Präsidentschaftswahl, Macron und Le Pen, ist der Gesprächsfaden sowieso komplett zerrissen, was aber auch nicht verwundert, da hier wirklich zwei völlig unterschiedliche Welten aufeinanderprallen.

Frankreich-Wahl im Blick der Börsianer

Für die Finanzmärkte ist diese Wahl in dieser und der nächsten Woche definitiv das wichtigste Datum. Für die EU sogar für die nächsten Jahre richtungsentscheidend. Denn trotz der Aufweichungsstrategie der rechtsnationalen Kandidatin und ihrer plagiatorischen Übernahme von Wahlreden des konservativen Ex-Kandidaten Fillon dürfte ein Wahlsieg des Front National, der zu Verwerfungen an den Finanzmärkten führen würde, eher unwahrscheinlich sein. Die volatilitätsarme, ausgeprägte Seitwärtstendenz der Aktienmärkte um die Jahreshöchststände wird daher bis auf weiteres Bestand haben.