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Puerto Rico stellt Insolvenzantrag · 09.05.2017 14:27 Uhr

Das Ende eines Anlegertraums

Landkarte mit einer Stecknadel auf Puerto Rico
Quelle: bobby20/Shutterstock
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Puerto Rico ist pleite. Hierzulande weitestgehend unbeachtet stellte die Karibikinsel vor wenigen Tagen einen Insolvenzantrag. Dabei stellt dieser Fall ein Novum dar, das unter Umständen weitreichende Folgen nach sich ziehen könnte.

-von Thomas Zuleck, Börse Stuttgart News Redaktion-
Beitrag erstellt am 09.05.17 um 14:00 Uhr
Die Insolvenzerklärung Puerto Ricos war ein „harter, aber notwendiger Schritt“. Diese Worte stammen keineswegs vom US-Wirtschafts- oder Finanzminister, sondern vom Erzbischof der Karibikinsel. In seinen Augen war diese Entscheidung, trotz bisher unabsehbarer Folgen „notwendig, um die Schulden zu verringern, die wichtigsten Dienste aufrecht zu erhalten und wieder mehr Transparenz zu erlangen“. Der Geistliche mag mit seiner Einschätzung durchaus Recht haben, und dennoch stellt diese Entscheidung ein Novum dar, welches durchaus weitreichende Folgen für den US-Rentenmarkt insgesamt darstellen könnte. Die Fakten im Einzelnen.

Probleme haben sich abgezeichnet

Bis 2006 gehörte Puerto Ricos Wirtschaft zu den wachstumsstärksten im gesamten karibischen Raum. Vor allem US-Konzerne – und ganz besonders US-Pharma-Konzerne – genossen eine Reihe von steuerlichen Vorteilen, welche die Attraktivität der Insel in besonderem Maße erhöhte. Doch 2006 stellte einen Wendepunkt in dieser Geschichte dar. Die bereits seit 1950 geltenden Steuervorteile für US-Unternehmen liefen aus, was relativ schnell dazu führte, dass sich diese aus Puerto Rico zurückzogen. Mit fatalen Folgen. Puerto Rico steckt mittlerweile seit knapp zehn Jahren in einer tiefen Rezession. Die Arbeitslosenquote ging in den vergangenen Jahren zwar wieder leicht zurück, allerdings ist diese mit knapp zwölf Prozent immer noch doppelt so hoch wie im US-Durchschnitt. Das pro Kopf Einkommen ging im vergangenen Jahr entsprechend ebenfalls um gut 700 US-Dollar zurück. Im Falle von Puerto Rico sind das Welten. In Bezug auf die Refinanzierung sind jedoch die Staatsschulden von entscheidender Bedeutung. Im vergangenen Jahr lag diese bei rund 92,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Einnahmen von 9,086 Milliarden US-Dollar standen im vergangenen Jahr Ausgaben in Höhe von 9,684 Milliarden US-Dollar gegenüber. Kurz: Wäre Puerto Rico eine Privatperson, so würde sie schon lange keinen Kredit mehr erhalten. Es sei denn, diese Privatperson hätte einen solventen Bürgen in der Hinterhand...

Puerto Rica Anleihen waren ein lohnendes Investment

Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg errechnet hat, wurde in den vergangenen Jahren rund 900 Millionen US-Dollar mit dem Verkauf von Puerto Rico Anleihen verdient. Angesichts der oben benannten Rahmendaten ein überaus riskantes Geschäft. Möchte man meinen. Faktisch stellte Puerto Rico lange Zeit geradezu einen Traum für Anleger dar, denn das US-Recht schloss quasi aus, dass ein US-Bundesstaat oder eines der einverleibten Territorien in die Insolvenz gehen kann. Dies war quasi per Gesetz verboten. In der Konsequenz bedeutete das, dass Anleger zwar von den hohen Zinsen in Puerto Rico profitieren konnten (entsprechende Anleihen wurden über die Jahre hinweg immer weiter herabgestuft), jedoch zu keiner Zeit das Risiko tragen mussten, dass die Karibikinsel einen Insolvenzantrag stellt. Jegliches marktwirtschaftliche Prinzip wurde auf den Kopf gestellt, insofern, als dass Anleger von sehr hohen Renditen profitieren konnten, ohne gleichzeitig von einem hohen Risiko ausgehen zu müssen.

Puerto Rico am Rand der Handlungsfähigkeit

Doch dieser Anlegertraum ist seit wenigen Tagen beendet. Der Bankrott ist eingetreten. Dabei gab es bereits vergangenes Jahr erste Warnzeichen, die Anleger hätten stutzig machen müssen. So verabschiedete der US-Kongress im vergangenen Jahr den sogenannten „Promesa-Act“. Dieser unterstellt die Finanzen der Karibikinsel unter staatliche Aufsicht. Eine Insolvenz bleibt in rein juristischem Sinne zwar weiterhin verboten, allerdings eröffnet der „Promesa-Act“ einen Bankrott-ähnlichen  Prozess zur Restrukturierung der Schulden. Für Gläubiger der Karibikinsel scheint dieser feine juristische Unterschied jedoch keinen wirklichen Unterschied zu machen. Entsprechend entlädt sich seit einigen Tagen der Zorn vieler Anleger über der Karibikinsel. Dort versteht man zwar den Ärger, beteuert jedoch man habe zuletzt keinen anderen Ausweg mehr gesehen. Gouverneur Ricardo Rosselló: „Wir sind zu dieser Entscheidung gekommen, weil es die Interessen der Bürger von Puerto Rico beschützt“.  Die drückende Schuldenlast in Kombination mit weiter nachlassenden Einnahmen drängte Puerto Rico zuletzt an den Rand der Handlungsfähigkeit. Rund ein Viertel der Einwohner sind im öffentlichen Dienst beschäftigt und über kurz oder lang wären diese Gehälter wohl nicht mehr zu stemmen gewesen. Erst vor wenigen Tagen musste Puerto Rico ganze 184 Schulen schließen.

Anleger fühlen sich betrogen

Doch all diese Argumente stoßen bei den Gläubigern auf wenig Gegenliebe. In deren Augen hat es Puerto Rico über Jahre verpasst Strukturmaßnahmen und Reformen umzusetzen. Die Konsequenz dessen wird nun sichtbar. Aber weshalb hätte Puerto Rico überhaupt entsprechende Reformen umsetzen sollen? Die Finanzierung auf Pump hat doch prächtig funktioniert und eine Insolvenz war bis vor einiger Zeit quasi ausgeschlossen. Fakt ist: Vor Puerto Rico und seinen Gläubigern liegt ein langer Weg. In den kommenden Wochen wird ein US-Bundesgericht über ein spezielles Verfahren zu Restrukturierung der Schulden entscheiden. Der Ausgang ist bis dato völlig unklar, wenngleich Ricardo Rosselló in Aussicht stellte, dass man jährlich bis zu 800 Millionen US-Dollar zurückzahlen könnte. Doch das scheint in dem aktuellen Fall nur eine Seite der Medaille. Entscheidend dürfte vor allem sein, dass man mit Puerto Rico keinen Präzedenzfall schafft. Denn, sollte es der Karibikstaat durch die Restrukturierung wieder schnell auf die Beine schaffen, so könnte dies durchaus weitere Begehrlichkeiten nach sich ziehen. Denn es gibt auch in den USA manch einen Bundesstaat, dessen Haushalt eine gewisse „Optimierung“ ganz gut gebrauchen könnte.
Beitrag erstellt am 09.05.2017 um 08:30
Beitrag veröffentlich am 09.05.2017 um 08:45
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