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Brasilianischer Leitindex unter Druck · 29. Mai 2017

Bovespa versinkt in Korruptionsskandal

Michel Temer auf eine Veranstaltung in Rio de Janeiro
Quelle: CP DC Press/Shutterstock
Donald Trump ist in diesen Tagen nicht der einzige Staatschef der unter Druck steht. Hierzulande fast schon ein wenig unbeachtet, muss auch Trumps brasilianischer Amtskollege Michel Temer um sein Amt fürchten. Die Börse reagiert alarmiert.

-von Thomas Zuleck, Börse Stuttgart News Redaktion-
Es ist noch nicht lange her, da galt Michel Temer als DER große Hoffnungsträger in Brasilien. Temer übernahm am 12. Mai 2016 kommissarisch die Regierungsgeschäfte in Brasilien. Nachdem der Senat jedoch die Amtsenthebung für die damals amtierende Regierungschefin Dilma Rousseff bestätigte, wurde Temer am 31. August auch offiziell Staatsprädient von Brasilien. Bereits kurz nach seinem Amtsantritt kündigte Temer harte Reformen an. Da er sich 2018 nicht mehr zur Wahl stellen werde, könne er „unpopuläre Entscheidungen“ treffen so Temer. Diese „unpopulären Entscheidungen“ sollten eine Rentenreform oder auch eine weitreichende Liberalisierung des Arbeitsmarktes umfassen. Zudem kündigte Temer an, den Korruptionsskandal rund um den halbstaatlichen Ölkonzern Petrobras aufzuarbeiten. Doch dazu wird es wohl nicht mehr kommen. Vor knapp zwei Wochen genehmigte das oberste Bundesgericht ein offizielles Ermittlungsverfahren gegen Michel Temer selbst.

Hat Temer einen "Mitwisser" geschmiert?

Die Enthüllungen im Zuge des Korruptionsskandals decken einen ungeahnten politischen Sumpf auf. Mittendrin: Staatspräsident Michel Temer. Nach einem Pressebericht soll Präsident Michel Temer aktiv dabei geholfen haben, mit Hilfe von Schmiergeldzahlungen einen Mitwisser in einem Korruptionsskandal zum Schweigen zu bringen. Bei diesem „Mitwisser“ handelt es sich offenbar um den inhaftierten Ex-Parlamentspräsidenten Eduardo Cunha. Cunha sitzt, auch das eine „schöne“ Randnotiz, aufgrund seiner Verstrickung im Korruptionsskandal um Petrobras in Haft. Also genau jenem Skandal, den Temer bei seinem Amtsantritt versprach aufzuklären. Temer bestreitet bis dato jede Beteiligung. Doch das könnte ihm vielleicht nur wenig nützen. Joesley Mendonça Batista, Miteigentümer des größten Fleischproduzenten JBS, besitzt offenbar eine Tonbandaufnahme, in welcher Temer ihn in seinem illegalen Vorgehen bestärkt. Nun hätte Batista rein grundsätzlich wenig Interesse daran sich selbst zu belasten, allerdings haben Batista und sein Bruder Wesley offenbar eine Kronzeugenregelung mit der brasilianischen Justiz abgeschlossen. Batista gab bereits zu, über Jahre hinweg Politiker bestochen zu haben, um für seinen Konzern JBS staatliche Milliardenkredite einzustreichen. Als wäre das nicht genug, soll Temer, nach Angaben des Portals „Folha de S. Paulo“, Batista über eine bevorstehende Zinssenkung der Zentralbank informiert haben.

Bovespa bricht ein

Nach Bekanntwerden des Skandals kam es an der brasilianischen Börse zu einem wahren Erdrutsch. Der Bovespa verlor an nur einem Tag zwischenzeitlich rund zehn Prozent und musste kurzzeitig sogar vom Handel ausgesetzt werden. Finanzwerte wie beispielweise die Banco Brasil verloren in der Spitze rund 25 Prozent. Die Aktie von Petrobras brach um immerhin 15 Prozent ein. Am Rentenmarkt sieht es nicht wirklich besser aus. So stieg die Rendite für 10-jährige Staatsanleihen wieder über fünf Prozent. Der brasilianische Real verlor gegenüber dem ohnehin schon zur Schwäche neigenden US-Dollar ebenfalls deutlich an Wert und rutschte in der Spitze um ganze sieben Prozent ab.

Skandal könnte tiefe Spuren hinterlassen

Stand heute scheint jedoch das Schlimmste vorerst ausgestanden. Wenngleich auf Monatssicht für den Bovespa immer noch ein dickes Minus zu Buche steht, konnte sich dieser von seinen Tiefstständen wieder ein wenig erholen und notiert aktuell bei rund 64.000 Zählern. Doch der Skandal um Temer dürfte tiefe Spuren hinterlassen, da vor allem Investoren große Hoffnungen in den Rousseff-Nachfolger gesetzt haben. Diese Hoffnungen manifestierten sich nicht zuletzt am Bovespa. Noch im Dezember 2015 notierte der brasilianische Leitindex unterhalb der 40.000 Punkte-Marke. Seitdem konnte der Bovespa in der Spitze um rund 75 Prozent zulegen. Zwar fällt der Beginn der Erholung noch in die Amtszeit von Dilma Rousseff, doch mit dem Amtsantritt von Temer kam nochmals eine gänzlich neue Dynamik auf. Anleger honorierten zuletzt vor allem seine Arbeitsmarktreformen und Privatisierungspläne. Es schien, als würden diese Maßnahmen tatsächlich erste Früchte tragen, was angesichts der aktuellen Lage in Brasilien auch dringend nötig wäre. So befindet sich Brasilien noch immer in einer tiefen Rezession. Laut Angaben des CIA-Factbook sank die Wirtschaftsleistung bereits 2015 um 3,8 Prozent. Und auch im vergangenen Jahr ging diese nochmals um 3,6 Prozent zurück. Die Arbeitslosenquote liegt laut offiziellen Angaben bei rund 12 Prozent – inoffiziell dürfte sie jedoch weitaus höher liegen. Vor diesem Hintergrund bleibt der brasilianische Aktienmarkt für Investoren ein eher heißes Pflaster.