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Wird es ein harter oder weicher Brexit? · 07. Juni 2017

Großbritannien hat die Wahl

Downing Street Nummer 10
Quelle: dominika zarzycka/Shutterstock
Es wird doch noch einmal spannend. Kurz vor der Wahl in Großbritannien bröckelt die Mehrheit von Premierministerin May. Laut aktuellen Umfragen liegen die Torries nur mehr sehr knapp vor der Labour-Partei. Was heißt das für den Brexit?

-von Thomas Zuleck, Börse Stuttgart News Redaktion-
Sorgen die Briten für die nächste Wahlüberraschung? Es scheint zumindest nicht mehr ausgeschlossen. Betrug der Vorsprung der Torries vor einigen Wochen noch gut 20 Prozent gegenüber der Labour-Partei, so ist dieser in den vergangenen Tagen und Wochen auf nur noch ein Prozent zusammen geschmolzen. Mittlerweile weiß man zwar wie zuverlässig Wahlumfragen in Großbritannien sein können, allerdings macht sich am Finanzmarkt bereits erste Nervosität breit. Und diese Unsicherheit dürfte mindestens noch bis kommenden Donnerstag andauern. Erst dann wird gewählt.

Herausforderer holt auf

Teresa May selbst scheint nicht ganz unschuldig am Umfragetief. Vor allem ihr Umgang mit den jüngsten Terroranschlägen, stieß in Großbritannien auf teilweise herbe Kritik. Zudem kritisiert nicht nur die Opposition ihre Rolle als Innenministerin von 2010 als 2016 und die in dieser Zeit erfolgte Streichung von zahlreichen Polizeistellen. Sich als entschlossene Terrorismus-Bekämpferin zu präsentieren, fällt May in diesen Tagen zunehmend schwer. Darüber hinaus konnte sich der eher farblose und ebenfalls nicht unumstrittene Herausforderer Jeremy Corbyn als echte Alternative zu May positionieren. Während May sich im Wahlkampf vor allem über die bevorstehenden Brexit-Verhandlungen definierte, gelang es Corbyn bei sozialen Themen zu punkten. Und aktuell sieht es tatsächlich so aus, als würden sich die Prioritäten innerhalb der Gesellschaft zunehmend verschieben. Sorgen um die innere Sicherheit sowie drohende Einschnitte in der Bildungs- und Gesundheitspolitik, scheinen vielen Menschen derzeit wichtiger, als die Ausgestaltung des EU-Austritts.

Der Brexit kommt - mit oder ohne May

Der Austritt aus der EU scheint – unabhängig vom Wahlausgang – ohnehin beschlossene Sache. Er kommt, mit May oder eben mit Corbyn. Weder die Torries noch die Labour-Partei werden sich gegen das Votum aus dem vergangenen Sommer stellen. Allerdings wird die bevorstehende Wahl die Richtung vorgeben, zu welchen Bedingungen der Brexit erfolgt. Sofern sich May auf eine breite Basis stützen kann, so wird sie diese in Brüssel in die Waagschale werfen. Das Volk bekommt, was das Volk gewählt hat. Und in diesem Fall hätte das Volk harte Verhandlungen gewählt. Sollte May jedoch keine überwältigende Mehrheit erreichen können, so wird man das in Brüssel ebenfalls zu nutzen wissen.

Britische Wirtschaft schwächelt

Egal wie. Großbritannien und die EU sollten schnellstmöglich einen gemeinsamen Nenner finden und in konstruktive Verhandlungen eintreten. Eine Forderung die zuletzt nicht nur Morgan Stanley erhob. Im jüngsten Morgan Stanley Report hieß es vor allem im Hinblick auf das britische Pfund: „Damit das Pfund besser läuft, müssten die Brexit-Verhandlungen konstruktiv werden, so dass die Märkte davon ausgehen können, dass der britischen Wirtschaft kein harter Brexit-Absturz droht.“ Bereits heute macht die aktuelle Pfund-Schwäche der britischen Gesamtwirtschaft zu schaffen. So beklagte sich vor allem der Einzelhandel, dass die jüngsten Preissteigerungen die Konsumlaune deutlich eingetrübt hätten. Der Binnenkonsum zeigt bereits erste Bremsspuren. Nun sollte man annehmen, dass zumindest die Exportwirtschaft von der aktuellen Pfund-Schwäche profitieren sollte. Doch Großbritannien importiert weit mehr Waren, als es Waren exportiert. Laut Angaben des CIA-Factbooks lag das Außenhandelsdefizit im vergangenen Jahr bei fast 170 Milliarden US-Dollar. Insofern verwundert es kaum, dass sich das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal weiter verlangsamte und mit 0,3 Prozent den geringsten Anstieg seit einem Jahr verzeichnete.

Britischer Leitindex zeigt sich unbeeindruckt

Abgesehen von einer leichten Kursdelle im Zuge der Neuwahl-Ankündigung hat der britische Leitindex FTSE 100 die jüngsten Turbulenzen ganz ordentlich verdaut. Selbst die aktuelle Pfund-Schwäche wird im Hinblick auf den Gesamtmarkt offenbar eher positiv interpretiert. Das liegt jedoch vor allem daran, dass gut zwei Drittel der Erträge von im FTSE gelisteter Unternehmen im Ausland erwirtschaftet werden. Insofern profitiert der FTSE derzeit vor allem von den weltweit guten Wachstumsaussichten, und ist im Gegenzug nicht so sehr abhängig von politischen Turbulenzen in London. Die Performance des FTSE konnte sich zuletzt ebenfalls wieder sehen lassen. Auf Jahressicht kommt der britische Leitindex immerhin auf ein Plus von rund 20 Prozent. Wenngleich die bevorstehenden Brexit-Verhandlungen aufgrund der oben benannten Faktoren auf den FTSE scheinbar nur geringen Einfluss haben sollten, so werden Marktteilnehmer dennoch ganz genau hinsehen, wer morgen in die Downing Street einziehen wird. Denn eine weiter schwaches Pfund und weiter anhaltende politische Unsicherheiten, wird sich sicher niemand wünschen. Auch kein FTSE-Anleger.