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Gastbeitrag von Ellwanger & Geiger · 07. Juni 2017

Gerissene Geduldsfäden

Faden kurz vor dem zerreißen
Quelle: ub-foto/Shutterstock
Nicht nur der Geduldsfaden der Bundeskanzlerin hinsichtlich des 45. US-Präsidenten ist gerissen, nun auch der der britischen Premierministerin in Bezug auf die Bedrohung durch terroristische Anschläge.

-zum Autor: Michael Beck ist Leiter Asset Management bei Ellwanger & Geiger-
Nach dem dritten Terroranschlag innerhalb von drei Monaten wird auf der britischen Insel laut über Toleranz und Intoleranz diskutiert. Natürlich ist manches dem Wahlkampf dort geschuldet, aber in der Tat fragt man sich auch hierzulande, wie mit Parallelgesellschaften, abgeschotteten Moscheen und intransparenten Imam-Besetzungs- und Finanzierungstrukturen umzugehen ist. Sicher ist, dass der Geduldsfaden der Bevölkerungen in Europa insgesamt in dieser Hinsicht sehr dünn geworden ist. Sichtbar wird dies in der Stärkung der extremen links- und rechtspopulistischen Parteien. Die Akteure der internationalen Finanzmärkte sind zwar inzwischen scheinbar an Terroranschläge gewöhnt, da nach den immer viehischer und brutaler werdenden islamistischen Terrorangriffen kaum Kursreaktionen an den Märkten verzeichnet werden. Kurzfristig also Gewöhnungseffekte, langfristig jedoch muss das Terrorproblem einigermaßen in den Griff bekommen werden, ansonsten werden die extremen politischen Kräfte wieder gestärkt. Und dies würde mittelfristig die Stabilität in Europa gefährden.

Wirtschaftsförderung sieht anders aus

Auch der Geduldsfaden der Bundesregierung mit der Türkei ist nun gerissen, denn die realitätsferne Haltung der türkischen Regierung lässt der Bundesregierung keine andere Wahl, als das Bundeswehrkontingent aus der Türkei abzuziehen. Dabei ist laut Aussagen des Verteidigungsministers Gabriel das Besuchsverbot noch das kleinere Problem. Die Dutzende inhaftierten deutschen Staatsbürger, bei denen kein Fortschritt bezüglich einer fairen juristischen Behandlung oder Freilassung zu verzeichnen ist, belasten das Verhältnis zu der Türkei immer mehr. Dies lässt natürlich automatisch Fragen zur generellen Rechtssicherheit von internationalen Unternehmen bzw. ihren Investitionen auf türkischem Boden aufkommen. Wirtschaftsförderung sieht anders aus.

Ein ruhiger Sommer für die Finanzmärkte zeichnet sich nicht ab

Auch die Wirtschaft Katars sieht schwierigen Zeiten entgegen, denn die Isolationspolitik einiger Anrainer-Staaten, denen der Geduldsfaden hinsichtlich vermuteter Terrorfinanzierungen gerissen ist, gefährdet die Alleinstellung dieses kleinen, (noch) reichen Landes. Die Geduld der Beamten des US-Außenministeriums wird zumindest von ihrem Chef sehr strapaziert. Brüstet er sich doch als Initiator dieser Blockadepolitik (was eher zweifelhaft ist) und vergisst wohl dabei, dass in Katar seine wichtigste und größte Militärbasis im Kampf gegen den IS liegt. Immerhin, wenn es hilft, die Finanzierungströme des IS-Terrorismus auszutrocknen, würde die Welt etwas aufatmen. So gilt für die internationalen Finanzmärkte nach wie vor die Devise „Wirtschaft top, Politik Flop“. Ein ruhiger Sommer für die Finanzmärkte scheint sich nicht abzuzeichnen.