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Gastbeitrag Commerzbank Research · 08. Juni 2017

Kann die EZB den Euro schwächen?

Würfel auf Euro-Mpnzen mit der Aufschrift EZB
Quelle: Bartolomiej Pietrzyk/Shutterstock
Was hat Mario Draghi heute im Gepäck? Im Vorfeld der heutigen EZB-Sitzung erwarten nicht wenige Marktbeobachter eine deutlich veränderte Rhetorik des EZB-Präsidenten. Doch wie "falkenhaft" wird die EZB tatsächlich?

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Zum Autor: Thu Lan Nguyen ist Analyst FX & EM bei der Commerzbank AG
 
Am Markt herrscht Einigkeit: Der Ausstieg aus der ultra-expansiven Geldpolitik im Euroraum steht unmittelbar bevor. Die Mehrheit der Analysten rechnet damit, dass die EZB im September ein schrittweises Zurückfahren ihres Anleihekaufprogrammes ankündigen wird. Das wiederum hat wichtige Implikationen für die heutige Sitzung der EZB. So gehen viele am Markt davon aus, dass die europäischen Währungshüter den Weg zu einem Ausstieg schon jetzt ebnen, und zwar, indem sie ihre so genannte Forward Guidance anpassen. Genau genommen wird sich die Aufmerksamkeit der Marktteilnehmer vor allem auf den folgenden Satz im Pressestatement der EZB richten:
"The Governing Council continues to expect the key ECB interest rates to remain at present or lower levels for an extended period of time, and well past the horizon of the net asset purchases."
Viele rechnen damit, dass die EZB ihren „easing bias“, also den Hinweis auf eine potenzielle weitere Lockerung ihrer Geldpolitik, aufgibt. In diesem speziellen Fall hieße das, dass sie die Möglichkeit einer Zinssenkung aus dem Satz streicht („lower levels“). Einige gehen sogar noch weiter und erwarten, dass die EZB ihr Versprechen, die Zinsen noch lange nach dem Ende der Anleihekäufe niedrig zu halten („well past the horizon of the net asset purchases“), einkassiert, um sich so die Möglichkeit einer früheren Zinserhöhung einzuräumen.

Wird Draghi zum "Falken"?

Der Markt dürfte sich heute auf eine tendenziell falkenhafte EZB eingestellt haben. Und vor diesem Hintergrund würde ich im Normalfall sagen, dass das Enttäuschungspotenzial und damit das Euro-Abwertungsrisiko groß ist, sollte die EZB beispielsweise ihre Forward Guidance unverändert belassen oder sollte EZB-Präsident Mario Draghi in der Pressekonferenz erneut versuchen, die Hoffnungen auf eine baldige Zinssenkung zu zerschlagen. Nur hat mir die Entwicklung der Gemeinschaftswährung über die letzten Wochen eines bewiesen: Der Euro ist momentan nicht zu schwächen.

Markt glaubt an Normalisierung der Geldpolitik

So hat der Euro weder nach den enttäuschenden Inflationszahlen vergangene Woche nachgegeben, noch nachdem gestern die Nachricht durchsickerte, dass die EZB ihre Inflationsprognosen heute wohl deutlich nach unten revidieren wird. Oder zumindest hielt die EUR-Schwäche nicht lange an. Ich komme immer mehr zum Schluss: Der Markt glaubt unabhängig von der Inflationsentwicklung an den Beginn einer Normalisierung der Geldpolitik. Und das liegt an zwei Dingen:
Die wirtschaftliche Lage hat sich deutlich aufgehellt. Der Euroraum ist im vergangenen Jahr genauso schnell gewachsen, wie die USA, die schon mitten im Normalisierungs-prozess sind. Und die Stimmungsindikatoren deuten sogar darauf hin, dass sich das Wachstum zunächst weiter beschleunigen wird. Auch bei der Inflation sieht es nicht mehr so dramatisch aus, wie noch vor einigen Jahren. Draghi wies selber darauf hin, dass zumindest die Deflationsgefahren verschwunden sind. So mag die Inflation zwar noch nicht auf Zielniveau sein, doch sie hat sich nachhaltig von der Nulllinie entfernt. Die politische Lage hat sich stabilisiert. Für viele war insbesondere die Wahl von Emmanuel Macron zum französischen Präsidenten ein wichtiger Schritt zu einem Zusammenrücken in der EU. Die zunehmende Isolationspolitik der USA hat diese Aussicht nur noch gestärkt (siehe die TagesInfo Devisen vom 2. Juni).

Expansive Geldpolitik erscheint nicht mehr angemessen

Vor diesem Hintergrund erscheint die aktuell ultra-expansive Geldpolitik der EZB den meisten Marktteilnehmern schlicht und ergreifend als nicht mehr angemessen. Klar, das Inflationsziel ist noch nicht erreicht; daher ist eine weiterhin akkommodierende Geldpolitik erforderlich. Doch Zweifel wachsen, ob die unkonventionelle Geldpolitik, d.h. Anleihekäufe und Negativzins (mit ihren unerwünschten Nebenwirkungen), nach wie vor notwendig ist. Solange der Markt so denkt, dürfte nichts den Euro so schnell aus seiner Bahn werfen.