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Gastbeitrag Commerzbank Research · 28. Juni 2017

Draghi verleiht Flügel - EUR/USD knackt 1,13er Marke

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Nach der Rede von EZB Chef Mario Draghi hat der Euro einen mächtigen Satz nach oben gemacht. Doch die Experten der Commerzbank stellen die Frage - was bitteschön, ist die "Breaking News" hinter der Ankündigung. Die Antwort ist ernüchternd.

von Antje Praefcke (Analyst FX & EM Research Commerzbank)
Der Markt interpretierte das, was EZB Chef Mario Draghi gestern in seiner Eröffnungsrede zum EZB Forum in Portugal verlauten ließ, als völlig neue Information und nahm sie als Grund, die Zinserwartungen wieder hochzuschrauben, die er nach der letzten EZB-Sitzung reduziert hatte. Unterm Strich signalisierte Draghi, dass die EZB bereit sei, einen langsamen Exit aus der expansiven Geldpolitik zu erwägen, was letztendlich nichts vollkommen Neues ist. Aber er führte zwei neue Argumente in seiner Rede an: (1) würde allein schon bei einem Stillhalten die Geldpolitik expansiver, wenn sich die wirtschaftliche Lage verbessert, und (2) seien es aktuell eher temporäre Faktoren, durch die eine Zentralbank hindurchschauen könne, die auf die Inflationsentwicklung drückten. Gleichzeitig betonte Draghi aber auch, dass die EZB sehr vorsichtig und der Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik sehr langsam und graduell sein müsse. Der Hinweis auf die Forward Guidance fehlte ebenfalls nicht. Draghis Rede verlieh dem Euro Flügel, EUR-USD notiert mittlerweile bei 1,1350.

Überzogene Erwartungen

Meines Erachtens sind die Eurogewinne infolge der Rede aber überzogen. Zugegeben, Draghi räumt die Möglichkeit eines langsamen Exits ein. Aber wieso ist der Markt darüber so überrascht? Ihm muss doch schon seit längerem klar sein, dass die EZB Anfang 2018 tapern – sprich langsam aus der expansiven Geldpolitik aussteigen und die Anleihekäufe zurückfahren – muss. Wieso hätte er sonst gerade vor wenigen Wochen noch auf eine erste Zinsanhebung im kommenden Jahr setzen sollen? Dass der Markt Draghis Rede nun als völlig neuen Aspekt bewertet und seine Zinserwartungen wieder anpasst, verwirrt mich. Es kommt ja auch nicht überraschend, das Draghi versucht, den Markt auf den Exit bzw. die Ankündigung des Taperns (vermutlich im September oder Oktober) vorzubereiten, und deshalb in den nächsten Wochen und Monaten offizielle Anlässe nutzen wird, um dies zu kommunizieren. Gleichzeitig wird Draghi aber auch vermeiden wollen, dass die Markterwartungen zu weit laufen, wie dies im März der Fall war. Das heißt dann aber auch, dass weitere signifikante Euro-Gewinne unwahrscheinlich sind. Die Luft dürfte für den Euro allmählich dünn werden.

Dollar kraftlos

Der Euro konnte gestern mühelos durch die 1,13-Marke durchmarschieren, da ihm der Dollar schlichtweg nichts entgegenzusetzen vermochte. Fed Chefin Janet Yellen gab keine Informationen zur weiteren Zinspolitik der Fed auf ihrer Diskussion gestern Abend in London und zerstreute damit nicht die Marktzweifel an der Geschwindigkeit des Fed-Zinszykluses.
Ihre Kollegen Patrick Harker (Philadelphia Fed) und Neel Kashkari (Minneapolis Fed, beide stimmberechtigt) zeigen sich derweil besorgt über die jüngste Inflationsentwicklung. Kashkari hatte sogar im Juni gegen eine Zinserhöhung gestimmt, da ihm die Inflation nicht genug angezogen hat.

Das Märchen von der "Trumpflation"

Der Markt fühlt sich entsprechend in seiner Erwartung, dass bis Ende 2018 kaum noch Zinserhöhungen seitens der Fed kommen, bestätigt. Zumal aus der US-Politik weitere Signale kommen, dass die „Trumpflation-Story“ doch eher ein Märchen war:
US Senatoren verschoben eine Abstimmung über die gründliche Überholung von Obamacare, nachdem sich zu großer Widerstand in den eigenen republikanischen Reihen formiert hatte. Im Senat können sich aufgrund der geschlossenen Reihen der Demokraten die Republikaner maximal zwei abweichende Stimmen leisten.
Die Tatsache, dass es Präsident Donald Trump nach wie vor schwer hat, seine Ideen sogar in den eigenen Reihen durchzusetzen, lässt die Hoffnung auf eine schnelle Re-Inflationierung in den USA und beträchtlichen fiskalischen Stimulus, die die Fed zu schnelleren Zinserhöhungen bewegen könnten, wie ein Kartenhaus zusammenfallen.

Schwere Woche für US Dollar

Da aus Marktsicht unter dem Dollar gerade beide Säulen – die aktuelle Inflationsentwicklung und die Trumpflation-Story – wegbröckeln, hat es der Greenback diese Woche schwer. Meines Erachtens kann jetzt nur noch ein starkes Ergebnis beim PCE-Index am Freitag, dem von der Fed präferierten Inflationsmaß, dem Dollar zum Wochenausklang das Gesicht wahren lassen.