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Gastbeitrag LBBW · 04. Juli 2017

Autoindustrie im Wandel

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Quelle: Nick Starichenko / Shutterstock.com
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Die Automobilindustrie befindet sich in einem massiven strukturellen Umbruch. Zu den größten Herausforderungen zählen die Elektrifizierung des Antriebsstrangs, die Digitalisierung, Automatisierung und verändertes Kundenverhalten.

Die Automobilindustrie, bestehend aus Herstellern und Zulieferern, befindet sich in einer massiven strukturellen Umbruchphase. Zu den größten Herausforderungen zählt zum einen die Elektrifizierung des Antriebsstrangs: Dahinter steht die anhaltende Regulierung der Behörden zur Schadstoffreduzierung auch im Rahmen der Pariser Klimaziele. Erwähnenswert ist zum anderen das Digitalisierungs-Thema, das nicht nur für die Fertigung, sondern auch im Produkt selbst mit Verbindungen nach außen (Konnektivität) und zu anderen Verkehrsteilnehmern bedeutsam ist. Ferner ist die Automatisierung sehr wichtig. Bereits heute ist die Vision vom fahrerlosen Fahren technisch möglich und wird permanent weiterentwickelt. In Kombination mit der Elektrifizierung besteht hier großes Potenzial, das vor allem neue Marktteilnehmer wie etwa Google, Apple und Uber für sich nutzen wollen. Nicht zuletzt ist das veränderte Kundenverhalten zu beachten. Immer mehr Menschen denken nämlich angesichts voller Straßen über das Teilen und das Nutzen von Autos nach, anstatt sich den Traum von der eigenen Limousine zu erfüllen.

Konsequenzen für die Industrie sind vielfältig

Der strukturelle Wandel dürfte sich auf die Beschäftigungssituation im Automobilsektor auswirken. Zwar erwarten wir durch den Aufbau neuer Technologien in Summe zunächst einen leichten Beschäftigungsaufbau, langfristig gehen wir jedoch von einer Arbeitsplatzreduktion aus. Beispielsweise besteht der Verbrenner aus vielen Einzelteilen und wird in hoher lokaler Wertschöpfung gefertigt, wohingegen der Elektromotor aus deutlich weniger Teilen besteht und in hoher Automatisierung produziert wird. Künftig werden auch ganz andere Berufsprofile gefordert sein. Bereits heute sucht die Kfz-Industrie vor allem Software- und Elektronikspezialisten sowie Daten- und Marketingexperten. Auch die Wettbewerbssituation dürfte sich ändern. Konkurrenz kommt z.B. aus Silicon Valley, wo das Auto als Vehikel gesehen wird, um Dienstleistungen zu erzeugen und Geld zu verdienen. Insgesamt ist Baden-Württemberg von diesen Konsequenzen mit seinem überproportional hohen Anteil an Automobil- und Maschinenbau besonders betroffen. Dies nimmt die hiesige Landesregierung zu Recht zum Anlass, einen strategischen Dialog mit der Industrie, den Verbänden und den Personalvertretern zu beginnen.

Unternehmen sollten sich neu positionieren

Aus Sicht der Geld- und Kapitalmärkte – sowohl Eigenkapital- als auch Fremdkapitalgeber – sollten die Automobilkonzerne diesen Konsequenzen mit einer klaren Unternehmensstrategie begegnen. Diese beginnt mit einem kritischen Selbstbild und Fragen wie: Wo steht das Unternehmen in der Wertschöpfungskette? Wo im Wettbewerb? Darauf folgt die Auseinandersetzung mit den Branchentrends und Einflussfaktoren, woraus sich dann die langfristigen Handlungsfelder ableiten lassen. Diese können jedoch sehr unterschiedlich sein. So hat ein Zulieferer für Interieur andere Herausforderungen als ein Komponentenhersteller für den Motor. Maßnahmen zur künftigen Ausrichtung sind daher unternehmensspezifisch zu ermitteln. Wichtig ist auch eine offene Kommunikation. Kapitalgeber stellen nämlich nur dann finanzielle Mittel bereit oder verlängern diese, wenn sie die langfristigen Aussichten positiv bewerten. Außerdem sollten die Kfz-Hersteller nicht um des kurzfristigen Ertrags willen und mit Blick auf Kurssteigerungen auf wichtige Zukunftsinvestitionen verzichten. Allerdings dürften trotz aller finanziellen Herausforderungen und notwendiger Risiken mit Blick auf Investitionen der Kassenbestand, die laufende Liquidität und ihr Fälligkeitsprofil nicht aus dem Auge verloren werden.

Was kann die Politik tun?

Die Politik hat durchaus Einflussmöglichkeiten, den Unternehmen die Situation leichter zu machen. So könnten etwa vor allem mit Blick auf die oben erwähnten veränderten Qualifikationen frühzeitig die richtigen Weichen in Schule und Universität gestellt werden. Darüber hinaus könnten adäquate Anreizsysteme und gute Rahmenbedingungen dafür sorgen, dass Forschung und Entwicklung im Land bleiben. Dabei denken wir in der Basis an universitäre Forschung, die Zusammenarbeit von Unternehmen und Wissenschaft bis hin zur Förderung und Unterstützung von F&E-Clustern. Auch öffentliche Investitionen in die Infrastruktur wie z.B. Telekommunikationsnetze, Verkehr und Strom bis hin zur Kultur dürften positive Wirkung zeigen.

Erste Reaktionen auch an den Kapitalmärkten ersichtlich

Auch an den Kapitalmärkten zeigt sich, dass die Herausforderungen und die strukturellen Umbrüche groß sind. Während der Gesamtmarkt europäischer Aktien gemessen am Stoxx 600 seit Jahresanfang um 7 % zulegte, gewann der Subindex Autos & Parts nur 2 %. Der Index für Industriewerte legte im gleichen Zeitraum um 13 % zu. Die Bewertung ist angesichts noch guter Gewinne relativ attraktiv gemessen am KGV und an der Dividendenrendite. Doch die Skepsis der Investoren ist zu spüren. Bestehende Positionen werden nicht weiter ausgebaut, neue Käufe nicht mehr getätigt.
An den Bondmärkten ist das Bild noch stabil, doch hier stützt v.a. die EZB mit ihrem Anleihekaufprogramm. Regelmäßige Anleiheemittenten sind i.d.R. mit einem stabilen und sehr guten Kreditrating am Markt und profitieren dank guter Liquidität. Doch auch hier steigt die Anzahl kritischer Fragen der Investoren nach dem langfristigen Geschäftsmodell und den Aussichten. Wir begrüßen es, dass Politik, Wirtschaft und Interessenvertreter einen strategischen Dialog aufnehmen. Mit diesem Dialog wird zum einen die notwendige Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit geschaffen, welche Umbrüche in der Branche anstehen. Beide Seiten zeigen zum anderen, dass sie an einem Strang ziehen und die Zukunft aktiv mitgestalten wollen. Die Unternehmen haben bereits mehrfach gezeigt, dass sie mit neuen Herausforderungen umgehen und sich wandeln können.