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Marktmeinung Ellwanger&Geiger · 19. Juli 2017

Schmerzgrenzen rücken näher

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JStone / shutterstock.com
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Ist Donald Trump nur ein großer Dampfplauderer, der "Great" Dinge ankündigt und dann nicht liefert? An den Märkten zumindest ist von der einstigen Trump-Phorie nicht mehr viel zu spüren - im Gegenteil: Die Schmerzgrenze ist nahezu erreicht

von Michael Beck, Ellwanger & Geiger
Es war absehbar – zum zweiten Mal scheiterte die Abschaffung des von US-Präsident Obama eingeführten Gesundheitssystems. Es gelang mangels sinnvoller Alternativen weder Teile der Opposition noch die vollständige eigene Republikanische Partei von der Gesundheitsreform zu überzeugen, um das Reformpaket zu verabschieden.
Eine weitere peinliche Schlappe für den Erneuerer Amerikas.
Ebenso peinlich vor dem Hintergrund der aktuellen Russland-Ermittlungen in den USA wirkt das aktuelle Bekanntwerden eines längeren Privatgespräches mit Putin am Rande des G20-Abendessens.

Finanzmärkte wanken

Da verblasst schon fast, dass die Präsidententochter Ivanka Trump, die zeitweise den Platz ihres Vaters beim G20-Gipfel stellvertretend warmhalten durfte, ihre Mode-Kollektionen in Asien und Afrika produzieren lässt, wohl weil in den USA weder die Maschinen noch die Arbeitskräfte verfügbar wären. Nun ja, die Gewinne bleiben ja in den USA, womit der Slogan „America First“ für die Unternehmer-Familie Trump wohl erfüllt wäre.
Kein Wunder, dass die Finanzmärkte ob solch eklatanter Führungsprobleme wanken und unentschlossen seitwärts taumeln.
Denn die Marktteilnehmer fragen sich, wie viele und vor allem wann die restlichen Versprechen Trumps, besonders die Steuerreform, erfüllt werden.
 

Kriesenherde Ukraine und Türkei

Aber nicht nur in den USA spitzen sich die innenpolitischen Spannungen zu, auch der lange Zeit verdrängte Krisenherd Ukraine kommt wieder auf die Tagesordnung. Die beiden Separatisten-Gebiete in der Ost-Ukraine haben einen neuen Staat „Kleinrussland“ ausgerufen. Die Drohung Putins, die Unabhängigkeit dieser Gebiete eventuell anerkennen zu wollen, trägt mit Sicherheit nicht zur Beruhigung der Lage oder zur Aufhebung von Sanktionen bei.
Und der türkische Präsident Erdogan als Dritter im Bunde, der nahezu täglich von sich reden macht, scheint endgültig jedes Maß zu verlieren. Nicht nur, dass er in seinem Land mit großen Entlassungswellen vermeintlicher Putschunterstützer fortfährt, inzwischen stellt er quasi jeden unter Terrorverdacht, der seine autokratischen Positionen kritisiert. Selbst Vertreter von Menschenrechtsorganisationen, die aus einem Seminar heraus inhaftiert wurden. Die Absurdität wird dadurch verdeutlicht, dass als Begründung dieses Seminar als „Terror-Seminar“ eingestuft wurde.
An den jüngsten Wirtschaftsdaten hat sich die Isolationspolitik der Türkei zwar noch nicht widergespiegelt. Aber internationale Investoren sind zutiefst verunsichert und es ist schwer vorstellbar, dass dies die konjunkturelle Entwicklung der Türkei nicht beschädigt. Im politischen Europa ist die Schmerzgrenze zumindest wohl schon vor der möglichen Einführung der Todesstrafe in der Türkei erreicht.

Euro am Scheideweg

Europa als Hort der Stabilität mit sehr robusten Wirtschaftsdaten sieht sich mit einer relativen Stärke seiner Währung konfrontiert. Die Schwächung des Euros zur Stützung der europäischen Wirtschaft war eines der Hauptziele der EZB-Geldpolitik.
Seit Mario Draghi zumindest die Möglichkeit einer sachten Straffung derselben in den Raum stellte, hat sich das Sentiment gedreht.
Der Euro hat seit Jahresbeginn zum US-Dollar 10% zugelegt und dies scheint auch eine Art Schmerzgrenze für die Aktienmärkte darzustellen.
Sorgen um die Werthaltigkeit der Gewinne, insbesondere der Exportunternehmen, lassen die Kurse bröckeln.
Mit Spannung werden daher die Äußerungen des EZB-Präsidenten Mario Draghi bei der nächsten EZB-Pressekonferenz zu diesem Thema erwartet.