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Märkte im Bann der EZB · 20. Juli 2017

Kommt jetzt der Einstieg in den Ausstieg aus der Nullzins-Ära?

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Heute richten sich wieder alle Blicke auf EZB-Chef Mario Draghi. Bekommt er die verbale Kurve hin in Richtung eines Einstiegs in den Ausstieg aus der ultra-expansiven Geldpolitik?

-von Andreas Scholz, Börse Stuttgart TV Nachrichtenredaktion-
Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank ist an einem ganz besonders sensiblen Punkt angekommen. Die EZB befindet sich in einer Phase des Umsteuerns innerhalb ihrer geldpolitischen Ausrichtung. Auf der heutigen Ratssitzung könnte es – zumindest verbal – einen Mini-Schritt weiter in Richtung irgendwann mal wieder höherer Zinsen gehen. Bevor es aber überhaupt um Zinserhöhungen geht, muss die EZB zunächst einmal ihr Anleihekaufprogramm zurückfahren. Ein Drahtseilakt. Was in den USA unter Fed-Chef Ben Bernanke als sogenanntes Tapering bekannt wurde, steht nun auch in der Eurozone an.

Tapering a la EZB

Es geht also um ein schrittweises reduzieren der monatlichen Ankaufsummen. Vom Tisch dürfte damit endgültig die Option sein, dass die EZB ihr Kaufprogramm sogar noch einmal ausweiten könnte. Damit rechnet vor der heutigen Ratssitzung fast kein Marktteilnehmer mehr. Das schrittweise Zurückfahren der Anleihekäufe wird Draghis Agenda für das kommende Jahr sein. Bislang kauft die EZB monatlich für rund 60 Milliarden Euro Staatsanleihen der Euro-Länder. Damit will sie die Inflation antreiben und wieder in Richtung ihres mittelfristigen Zielwertes von knapp unter zwei Prozent bringen. Ein zähes Unterfangen, will doch die Inflation – trotz einer robusten Konjunktur im Euroraum und eben dieser ultra-extremen Geldspritzen durch die EZB – immer noch nicht so richtig in Trab kommen. Zuletzt stieg die Teuerungsrate im Euroraum lediglich um 1,3 Prozent an – ein weiterhin viel zu träges Preisumfeld. Von vermeintlichen Deflationsgefahren kann wiederum aber eben auch keine Rede mehr sein.

Draghi muss Erwartungsmanagement in den Griff bekommen

Vor wenigen Wochen wurden die Märkte von Draghi auf dem falschen Fuß erwischt, als der Präsident der EZB unerwartet deutlich optimistisch die wirtschaftliche Entwicklung in der Eurozone lobte und gleichzeitig zum Ausdruck brachte, dass die niedrige Inflation vor allem auf temporäre Faktoren zurückzuführen sei.
Daraufhin rutschten die Kurse an den Anleihemärkten deutlich ab, mit der Renditekurve ging es im Umkehrschluss nach oben. So stieg die Rendite der richtungsweisenden zehnjährigen deutschen Bundesanleihe binnen weniger Handelstage von 0,25 Prozent auf über 0,6 Prozent.
Was auf den ersten Blick nach wenig aussieht, war eine dramatische Bewegung am Bondmarkt. Umso vorsichtiger wird sich Draghi daher wohl heute äußern.  Zu klar und deutlich darf seine Botschaft nämlich nicht ausfallen, auch, weil sich die EZB in den kommenden Monaten keine Flexibilität in ihrem Handeln nehmen lassen möchte. Er muss die Marktteilnehmer in ihren Zinserwartungen aber bremsen. Viele preisen nämlich jetzt schon eine Zinserhöhung für 2018 ein. Diese Einschätzung dürfte den meisten Mitgliedern im Rat der EZB – von der heutigen Sicht her – wohl doch etwas zu weit gehen. Die derzeitige Marschrichtung scheint eher zu sein: Ankündigung des Zurückfahrens des Anleihekaufprogramms noch in diesem Jahr, Umsetzung dann in 2018, gefolgt von ersten Zinserhöhungen in 2019.

Ein zu starker Euro ist der EZB ein Dorn im Auge

Das Problem: Der Euro darf nicht zu schnell diesen mittelfristigen Kurs vorwegnehmen. Die Rallye der letzten Tage kommt der EZB alles andere, als gelegen.
Ein zu schnell anziehender Euro drückt nämlich wieder auf die Preise und deckelt damit die Inflation, die die EZB ja nun gerade höher sehen möchte.
Alles in allem also eine durchaus komplizierte Gemengelage für die Geldpolitiker im Eurotower in Frankfurt am Main.