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Gastbeitrag Commerzbank Research · 23.08.2017 10:20 Uhr

Jackson Hole: Die Luft wird dünn

Grafik zum Devisenpaar Euro/Dollar
Quelle: elen_studio / Shutterstock.com
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Lässt Mario Draghi die Katze aus dem Sack und damit die Zinsen von der Leine. Anleger und Analysten legen jedes Wort des EZB Präsidenten auf die Goldwaage. Und Worte gibt es viele: In Lindau und - noch wichtiger - in Jackson Hole.

-Antje Praefcke (Analyst FX & EM Research Commerzbank)-
EZB Chef Mario Draghi wird heute Morgen in Lindau wohl wenig neue Informationen liefern. Denn er hält die Eröffnungsrede auf der Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften, die theoretischer Natur ist.
Wichtiger ist sein Erscheinen Ende der Woche in Jackson Hole. Aber auch hier dürfen wir nicht zu viel erwarten, was Hinweise zur zukünftigen Geldpolitik anbelangt. Denn die endgültige Entscheidung zum Tapering soll im Herbst getroffen werden, darin sind sich die Ratsmitglieder der EZB einig.
Draghi hat keine Veranlassung, am Freitag vorzupreschen. Denn auf der Sitzung im September werden sowieso die neuen Prognosen der EZB veröffentlicht. Das heißt, dass auf Basis dieser Prognosen eine grundsätzliche Ankündigung im Stil „wenn unser Szenario eintritt, könnte es notwendig sein, das Ausmaß der Anleihekäufe zu reduzieren“ im September Sinn machen würde.
Die Details zum Tapering könnten dann im Oktober folgen, rechtzeitig vor Jahresende, um den Markt darauf vorzubereiten.

Euro im Fokus

Für den Devisenmarkt sind natürlich mögliche Aussagen Draghis zum Euro am wichtigsten. Im Juni ging die EZB noch in ihren Prognosen von einem EUR-USD-Kurs von 1,09 aus.
Diese Prognose wird sie im September deutlich nach oben anpassen müssen.
Daher könnte Draghi schon jetzt seinen Wortlaut leicht verschärfen, schließlich dürfte der EZB eine „indirekte Straffung“ aufgrund einer Aufwertung des Euro ungelegen kommen. Aber er wird, wenn er sich zu Äußerungen zum Euro entschließt, dennoch vorsichtig agieren, immer mit Blick auf den G20-Accord, um nicht den Unmut seiner internationalen Kollegen auf sich zu ziehen.
Dennoch: allein ein kleiner Warnschuss in Richtung Markt kann ja schon reichen, den Höhenflug des Euro abzubremsen oder gar zu stoppen.
Es macht also Sinn, mit Blick auf Freitag etwas Vorsicht in EUR-USD walten zu lassen. Ich bin nicht überzeugt, dass wir die 1,20-Marke überhaupt sehen werden.

GBP: Brexit Uhr tickt

Big Ben ist verstummt, das letzte Stündlein hat Montag um 12 Uhr geschlagen. Die Brexit-Uhr tickt hingegen unablässig weiter. Die britische Regierung wird heute ihr „Position Paper“ veröffentlichen, in dem es um die zukünftige Behandlung von grenzüberschreitenden Zivilrechtsfragen (Verbraucherschutz etc.) geht.
Presseberichten zufolge wird darin die „direkte Gerichtsbarkeit“ des Europäischen Gerichtshofs zurückgewiesen, aber der Wille zur Beibehaltung von Verträgen wie der Hager (grenzüberschreitende Zivilrechtsverfahren) und Luganer (Zusammenarbeit der EFTA-Mitglieder mit EU Gerichten) Konvention bekundet.
Letzte Woche stellte die Regierung ihr Paper zur Zollunion vor. Weitere Papiere sollen noch folgen, bevor nächste Woche die Verhandlungen mit der EU wieder beginnen.
Die Regierung erwartet, dass auf Grundlage dieser Papiere ab Oktober Gespräche mit der EU zur zukünftigen (Handels-)Beziehung stattfinden können.
Es ist allerdings fraglich, ob die EU darauf eingehen wird. Sie pocht darauf, dass sie erst genaue Details zu den drei großen Punkten Exit-Rechnung, Bürgerrechte und Grenze zu Irland sehen möchte, bevor die zukünftige Handelsbeziehung thematisiert werden kann, wie Chefunterhändler Michel Barnier letzte Woche noch einmal betonte.
Und selbst, wenn entgegen aller Wahrscheinlichkeit schon ab Oktober die Beziehung nach dem Austritt verhandelt wird, bleibt kaum Zeit, um bis zum 29. März 2019 jedes einzelne Detail durchgekaut zu haben.
Da hilft es wenig, dass die britische Regierung versichert, top Talente eingestellt zu haben und die Personaldecke im Handelsministerium bereits erheblich aufgestockt wurde. Ich möchte wetten, dass eher Big Ben die Stunde wieder schlagen wird. Kein Wunder, dass EUR-GBP in Richtung 0,92 steigt, zumal sich Unternehmen laut der „Recruitment and Employment Confederation“ schon vorsichtiger zeigen, was Neueinstellungen und Investitionen anbelangt.

Disclaimer

 Bitte beachten Sie die rechtlichen Hinweise.
Bitte beachten Sie zusätzlich den wichtigen Hinweis zu allen abgebildeten Charts und Kursverläufen: Frühere Wertentwicklungen sind kein Indikator für die künftige Wertentwicklung.
agr/bstv Erstellt / Veröffentlicht am 23.08.2017 um 10:15 Erhalten 09:35