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DAX reagiert kaum auf Wahlausgang · 25.09.2017 09:18 Uhr

Bundestagswahl: Warum Anleger so gelassen sind

Reichstag in Berlin
Quelle: AirP72/Shutterstock
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Zumindest politisch sorgte die gestrige Bundestagswahl für ein mittleres Beben. An den Börsen wird diese Erschütterung jedoch vergleichsweise gelassen hingenommen. Weshalb eigentlich?

-von Thomas Zuleck, Börse Stuttgart News Redaktion-
Angela Merkel wird weiterhin Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland bleiben. Zwar ist ihr Mandat nicht mehr ganz so robust wie noch vier Jahre zuvor, doch mit rund 33 Prozent bleiben CDU/CSU weiterhin stärkste Kraft im deutschen Bundestag. So weit, so gut. Doch ein „weiter so“ wird es ziemlich sicher nicht geben. Einer Fortführung der „großen Koalition“ erteilte die SPD nach einem für sie verheerenden Wahlergebnis eine Absage. Insofern zeichnet sich aktuell eine sogenannte „Jamaika-Koalition“ aus CDU/CSU, FDP und den Grünen ab. Doch auch eine solche Koalition ist keinesfalls sicher. Wie sich auf Länderebene bereits gezeigt hat, können derartige Bündnisse durchaus wackeliger Natur sein. Vor allem jedoch agieren Grüne und die FDP aus einer Position der Stärke heraus und werden sich in den Verhandlungen teuer verkaufen. Darunter dürfte insbesondere die CSU zu leiden haben. Für Angela Merkel wird diplomatisches Geschick gefragt sein, um tatsächliche alle Forderungen und Wünsche unter einen Hut zu bringen. Abseits der Verteilung von politischen Ämtern wird zudem fraglich sein, wie teilweise doch recht unterschiedliche politische Positionen vereint werden können. Auch Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, hält eine „Jamaika-Koalition“ für die aktuell wahrscheinlichste Option im Bund: „Nach der gestrigen Bundestagswahl dürften Union, FDP und Grüne über eine Jamaika-Koalition verhandeln. Während die FDP in einer solchen Koalition einen großen Schritt hin zu Macrons europapolitischen Vorstellungen verhindern würde, dürften die Grünen für weiterhin hohen Druck auf die Automobilwirtschaft sorgen. Im Bereich der Arbeitsmarktpolitik dürfte eine Jamaika-Koalition die Schröder-Reformen langsamer zurückrollen als eine Koalition zwischen Union und SPD.“ Die Fortführung einer großen Koalition ist aus Sicht von Krämer nur dann denkbar, „wenn die Verhandlungen über eine Jamaika-Koalition unwiderruflich scheiterten und sich die SPD der Staatsräson beugte.“

Mögliche "Jamaika-Koaliton" wird positiv gesehen

Eine solche „Jamaika-Koalition“ – mit allen oben skizzierten möglichen Folgen – wird an der Börse nicht unbedingt negativ gesehen, meint auch Thomas Metzger, Fondsmanager beim Bankhaus Bauer: "Auch wenn wir heute Morgen erst einmal vorsichtige Marktteilnehmer erleben dürften, sehe ich grundsätzlich keine gravierenden wirtschaftliche Folgen und somit auch keine großen Bewegungen an den Börsen durch den Ausgang der Wahl. Eine mögliche Jamaika-Koalition würde zwar wohl erst einmal zähe Verhandlungen und möglicherweise weniger Stabilität und damit einhergehend mit dem starken  Abschneiden der AFD eine gewisse Verunsicherung für die Marktteilnehmer bedeuten. Allerdings scheint mir auch in diesem Szenario das Rückschlagspotenzial vor dem Hintergrund einer Regierungsbeteiligung der als unternehmerfreundlich einzuschätzenden FDP gering. Momentan dominieren ohnehin Themen wie Nordkorea und die Politik der Notenbanken das Börsengeschehen."

AfD drittstärkste Kraft: Ein Votum gegen Europa?

Während viele Wirtschaftsexperten, wie beispielsweise Ifo-Chef Clemens Fuest, eine Jamaika-Koalition befürworten, zeigt sich der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, entsetzt angesichts des jüngsten Wahlausgangs. Er sieht ebenfalls eine „Jamaika-Koalition“ als die einzig mögliche Konsequenz. Für die Wirtschaftspolitik bedeute dies aus seiner Sicht jedoch, "dass alles zwischen einer Retro-Neoliberalismus-Richtung und einer stärker ökologisch-digitalen Ausrichtung möglich ist.“ Einigkeit herrscht unter deutschen Ökonomen vor allem in Bezug auf eine ganz andere Frage: Sie alle sehen den Einzug der AfD in den deutschen Bundestag, immerhin als drittstärkste Kraft, mit großer Sorge. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger, bewertet das Resultat vor allem als negatives Signal für Europa. Aus seiner Sicht ist der Einzug der AfD ein „Votum gegen Europa und gegen weitere europäische Migration“.

Ganz große Überraschungen bleiben aus

Alles in allem bleibt allerdings festzuhalten, dass die ganz großen Überraschungen am gestrigen Wahltag ausgeblieben sind. Zwar mussten insbesondere die beiden großen Volksparteien gestern mehr Federn lassen, als im Vorfeld angenommen, doch an den Fakten ändert sich nicht allzu viel. Angela Merkel wird weiterhin Bundeskanzlerin bleiben. Zwar überrascht die Stärke der AfD, doch da keine andere Partei eine Koalition mit der AfD eingehen möchte, ändert dies – zumindest in der Koalitionsfrage – ebenfalls nichts Grundlegendes. Was sich durch den Einzug der AfD politisch ändern wird, werden erst die kommenden Monate zeigen. Vor allem in Reihen der CDU/CSU wird sicher über die Abwanderung vieler Wähler zur AfD heftig debattiert werden. Für viele Marktteilnehmer bedeutet das Ergebnis erstmal: Abwarten, viel ist ja (noch) nicht passiert.
Erstellt am 25.09.2017 um 09:15
Veröffentlicht am 25.09.2017 um 09:17