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Gastbeitrag von Ellwanger & Geiger · 05.10.2017 10:06 Uhr

Risse in Europa

Flagge der Europäischen Union mit einem Riss
Quelle: Delpixel/Shutterstock
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Die Gräben werden tiefer, die Risse offenbarer. Nachdem in Sachen Brexit mittlerweile etwas Vernunft einzukehren scheint, hat die EU mit Katalonien schon die nächste Baustelle vor der Brust. Es sieht nach einem heißen Herbst aus...

-zum Autor: Michael Beck ist Leiter Asset Management bei Ellwanger & Geiger-
Der Riss zwischen Großbritannien und Europa wurde durch das Brexit-Referendum letztes Jahr zementiert, nur weiß noch keiner, wie genau der Riss auszusehen hat bzw. wie er sich manifestiert. Zwischen den osteuropäischen EU-Staaten und Rest-Europa tun sich Risse in vielerlei Hinsicht auf, nicht nur in der unterschiedlichen Sichtweise der Flüchtlingsproblematik. Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beklagt ihr Vorhandensein mit Sicht auf das Bundestags-Wahlergebnis aufgrund der unterschiedlichen Lebensweisen und -umstände auch in Deutschland.

Euro-Gewitterwolken am Horizont?

Richtig offenbar werden die Risse allerdings derzeit in Katalonien. Die Eskalationen vom vergangenen Wochenende geben ein Lehrbeispiel ab, wie kontraproduktiv eine Regierung vorgehen kann. Waren die Umfragen für das Unabhängigkeitsreferendum mehr oder weniger unentschieden, katapultierte das rigorose Vorgehen der spanischen Regierung das Wahlergebnis mit Razzien, Verhaftungen etc. auf eine über 90-prozentige Zustimmung für die Unabhängigkeitsbestrebungen. Selbstverständlich ist die spanische Regierung formal im Recht – dieses mit Gewalt durchzusetzen, anstatt auf Dialog zu setzen, war jedoch noch nie zielführend. Da der spanische König Felipe die Vermittlerrolle ausgeschlagen hat, indem er sich in seiner Rede klar auf die Seite der spanischen Zentralregierung gestellt hat, ist die Lage nun recht verfahren. Die Finanzmärkte betrachten dieses Dilemma erstaunlicherweise sehr gelassen. Spanien war und ist einer der am stärksten verschuldeten Euro-Staaten, die mitverantwortlich für die Eurokrise 2008/2009 waren. In den letzten Jahren wurden erfolgreich Reformen umgesetzt und die wirtschaftliche Lage wieder stabilisiert. Diese Errungenschaften sind nun in Gefahr. Sollte sich nicht zügig ein Dialog zwischen den verfahrenen Parteien einstellen, wird sowohl die starke katalanische als auch die Gesamtwirtschaft Spaniens Schaden nehmen. Vor dem Hintergrund der mit Argwohn beäugten anstehenden Wahlen in Italien Anfang 2018, bei denen auch über die Zukunftsfähigkeit der Euro-Zone abgestimmt wird, ziehen daher Euro-Gewitterwolken am Horizont auf.

DAX bleibt gelassen

Der deutsche Leitindex Dax ist dennoch auf dem Weg zu neuen Höchstständen. Auch dies, obwohl noch nicht klar ist, ob die in Deutschland noch nie umgesetzte ungewöhnliche „Jamaika“-Regierungskonstellation wirklich zustande kommt. Die Börsianer vertrauen fest auf das Verantwortungsbewusstsein der deutschen Politik. Genauso, wie sie Lösungen für viele Minenfelder weltweit einpreisen. Selbst ein US-Präsident, der seinen Außenminister öffentlich bloßstellt und dessen sehr sinnvolle Bemühungen, mit Nordkorea direkte Gespräche zu initiieren, in einem Tweet für gegenstandslos erklärt, kann die Party kaum stören. Noch vertraut der Markt insbesondere in den USA auf das Zustandekommen der angekündigten großen US-Steuerreform. Dabei laufen sich die Kritiker derselben schon warm, sodass noch nicht klar ist, ob und in welcher Form diese Steuerreform umgesetzt werden wird. Da weniger wohlhabende US-Bürger kaum von dieser Steuerreform profitieren, dürfte der Riss, der durch die amerikanische Gesellschaft geht, dadurch kaum zu kitten sein.
Insofern steht uns sowohl ein weltpolitisch als auch finanzmarktbezogen sehr interessantes und abwechslungsreiches viertes Quartal ins Haus.