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Gastbeitrag Commerzbank Research · 30.10.2017 10:31 Uhr

Independence Day

Mauer mit der spanischen und katalonischen Flagge
Quelle: bekulnis/Shutterstock
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Der katalanische Sezessionskonflikt hat auch nach der Proklamation der Unabhängigkeit durch das katalanische Parlament keine negativen Konsequenzen für den Euro – auch wenn es auf den ersten Blick ganz anders erscheint.

-zum Autor: Ulrich Leuchtmann ist Leiter Devisenanalyse bei CM Research-
Die am Donnerstag und Freitag deutlich gefallenen EUR-USD-Notierungen sind nach meiner Messung reine USD-Stärke. Der USD-Währungsindex konnte zum Wochenschluss massiv zulegen, während der EUR-Index unverändert blieb.
Ja, man kann der Ansicht sein, dass Europa durch die Unabhängigkeitsbestrebung der Katalanen in seinen Grundfesten erschüttert wird, weil unversehrte Nationalstaaten das Fundament der europäischen Ordnung seien und die katalanischen Sezessionsbestrebungen Nachahmer anderswo in Europa anregen könnten. Oder man kann der Meinung sein, dass Europa mal wieder versagt, weil es das Selbstbestimmungsrecht der Regionen ignoriert und damit ein gestärktes, post-nationalstaatliches Europa verhindert. Je nach Geschmack. Beides hört sich nicht gerade EUR-positiv an. Warum sieht das der Devisenmarkt anders? Politische Risiken sind nicht belastend für Europas Gemeinschaftswährung, solange nicht (wie z.B. vor der Frankreich-Wahl, als ein Wahlsieg Marine Le Pens drohte) der Bestand der Währungsunion an sich gefährdet ist oder andere Umstände absehbar werden, die die EZB zu Rettungsmaßnahmen (sprich: noch expansiverer Geldpolitik) verleiten würden. Solange also die Risikoaufschläge für spanische Staatsanleihen vom Sezessionskonflikt nicht auf Maße aufgebläht werden, die fiskalisch nicht zu stemmen wären, geht von diesem Konflikt keine wesentliche Gefahr für den Euro aus.

Anleger sollte wachsam bleiben

Ob die EUR-Wechselkurse weiterhin immun blieben, wenn der Konflikt zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen eskalieren würde? Da bin ich mir nicht so sicher. Allerdings erscheint dieses Horror-Szenario gottseidank als ziemlich unwahrscheinlich. Ganz ignorieren sollte der Devisenmarkt-Teilnehmer die Nachrichten von der iberischen Halbinsel freilich nicht.

Woher kommt die US-Dollar-Stärke?

Bliebe noch die massive USD-Stärke zu diskutieren. Ein Analyst, der es sich leicht machen will, kann das überraschend starke US-BIP, welches am Freitag veröffentlicht wurde (Q3/2017: +3% annualisiert gegenüber Vorquartal – gegenüber Erwartungen um 2,6%), als Begründung heranziehen. So nach dem Motto: Bei solch starkem Wachstum wird die Fed doch wohl die Zinsen anheben – was USD-positiv wäre. Doch hat diese Story ihre Macken. Denn erstens kam der wesentliche Schub für den Greenback schon am Donnerstag. Und zweitens hat die BIP-Zahl keine Wirkung auf die am Markt gehandelten langfristigen Inflationserwartungen gehabt. Diese rangieren unverändert im Niemandsland: über den Tiefstständen von 2016, aber nach wie vor weit unter den Normalniveaus von vor 2014. Wenn aber das starke Wachstum aus Marktsicht nicht wahrscheinlicher macht, dass Inflation entsteht, dann dürfte es kaum die Markterwartung auf weitere Zinsanhebungen nähren. Denn der andere Wirkungskanal – niedrigere Arbeitslosigkeit – kann kaum die Fed-Erwartungen treiben angesichts der Tatsache, dass der US-Arbeitsmarkt schon seit langem Vollbeschäftigung aufweist.

Powell Favorit auf den Fed-Chair?

Dass die langfristigen Fed-Erwartungen seit fast zwei Monaten dennoch deutlich anziehen, dürfte eher daran liegen, dass der Markt darauf spekuliert, ein neuer Fed-Chair könne die US-Geldpolitik grundsätzlich umkrempeln. Gerüchte besagen, momentan hätte Jerome Powell die Nase vorn. Er gilt eher als relativ taubenhaft. Allerdings ist er der schwieriger zu interpretierende Kandidat. Denn Powell ist geldpolitisch ein unbeschriebenes Blatt. Würde er der nächste Chairman, käme es sehr darauf an, wer die anderen Vakanzen im Board of Governors füllen wird. Kämen dann John Taylor und/oder andere Falken zum Zuge, erschiene das Gesamtpaket weiterhin USD-positiv. Nun kann aber nicht jede denkbare Alternative in einem effizienten Markt USD-positiv sein. Der Devisenmarkt musste daher (nachdem die unbestreitbar taubenhafte Janet Yellen aus dem Rennen war) die USD-Wechselkurse deutlich adjustieren. Von jetzigen Niveaus aus wäre eine Nominierung Powells wohl wieder USD-negativ.
 
Erhalten von der Commerzbank am 31.10.2017 um 10:14 Uhr
Veröffentlicht durch die Börse Stuttgart am 31.10.2017 um 10:31 Uhr