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Gastbeitrag Commerzbank Research · 13.11.2017 12:00 Uhr

Stellungskrieg in Flandern

Pfund und Yen
Quelle: Ink Drop / Shutterstock.com
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Aktuelle Analysen der Research-Abteilung der Commerzbank zum Britischen Pfund und Japanischen Yen. Dabei geht es unter anderem auch um die Auswirkungen der Brexit-Verhandlungen.

- Autor: Ulrich Leuchtmann (Leiter Devisenanalyse, CM Research) -

Britisches Pfund (GBP)

Wie vor einhundert Jahren befindet sich das Vereinigte Königreich in einem zähen Stellungskrieg in Flandern (diesmal präziser: in Brüssel).
Wie vor einhundert Jahren sind anfängliche Hoffnungen auf eine schnelle Entscheidung  längst zerstoben. Und wie vor einhundert Jahren hofft man ständig auf den Durchbruch, doch es geht keinen Meter voran. Im Gegensatz zu damals steht das Königreich diesmal ganz allein dem – in seltener Einigkeit vereinten – Kontinent gegenüber. Doch diesmal geht es gottseidank nicht um Leben und Tod, sondern um Wirtschafts- und Rechtsfragen im Zusammenhang mit dem Brexit.
Das Ultimatum der EU-Seite (die Fortschritte innerhalb der nächsten 2 Wochen einfordert) wird offensichtlich von britischer Seite nicht ernstgenommen. Inhaltlich ist die britische Haltung vielleicht nachvollziehbar. Taktisch ist sie freilich gefährlich. Denn auf dem EU-Gipfel Mitte Dezember könnten dann Europas Regierungschefs kaum anders, als die Verhandlungen über die Post-Brexit-Beziehungen weiter zu verschieben. Das hieße: Wieder kein Durchbruch. Die Sachlage wird dadurch verkompliziert, dass Premierministerin Theresa May innerhalb der eigenen Partei noch deutlicher angeschlagen scheint, als bisher schon zu vermuten war. Das dürfte die Verhandlungsfähigkeit der britischen Seite deutlich einschränken – und damit die Chance auf ein positives Ergebnis des Dezember-Gipfels weiter reduzieren.
Dem Pfund tut all das am Devisenmarkt verständlicherweise nicht gut. Allerdings sind die Verluste für die britische Währung momentan begrenzt. Denn es gibt auch gute Meldungen. Von US-Banken wird gerüchteweise erzählt, dass sie einen guten Teil ihrer europäischen Aktivitäten (soweit regulatorisch möglich) weiterhin in London betreiben wollen.
So bleibt die Hoffnung vieler Marktteilnehmer, dass selbst ein „worst case“ (i.e. ein super-„harter“ Brexit) nicht allzu große ökonomische Schäden anrichtet und dass somit kein fundamentales Argument für GBP-Schwäche besteht. Dieser Denkweise kann ich mich anschließen. Allerdings bleibt meine Warnung bestehen: Letztendlich kommt es für keinen Teilnehmer am Devisenmarkt darauf an, was er selbst glaubt. Sondern es geht immer darum, was man glaubt, dass andere glauben. Je länger der ergebnislose Stellungskrieg in Brüssel andauert, desto mehr muss man schon darauf vertrauen, dass alle anderen Devisenhändler so optimistisch bleiben, wie man selbst ist. Das kann gutgehen. Doch sollte man sich klarmachen, dass es auch richtig heftig schiefgehen kann. Wer solch ein Szenario nicht verkraften könnte, wird auf die Nachrichtenlage mit GBP-Verkäufen reagieren. Egal, ob man an ein Happy End glaubt.

Japanischer Yen (JPY)

Was wäre, wenn?
Wenn die beiden anderen großen Zentralbanken (Fed, EZB) ihre Geldpolitik (weiter) normalisieren würden? Würde die Bank of Japan (BoJ) dann nachziehen? Naoyuki Yoshino, Chef des Asian Development Bank Institute (ADBI), tritt dafür ein. Allerdings darf man nicht vergessen: Das ist sein Job. Der Asian Development Bank kann nicht daran gelegen sein, dass Japans Zentralbank mit ihrer Geldpolitik den Yen schwach hält und damit Japans Exportindustrie gegenüber den asiatischen Nachbarn konjunkturelle Vorteile verschafft.
Ich höre ähnliche Weissagungen allerdings des Öfteren. Deshalb vermute ich, dass die aktuellen Yen-Kurse zumindest teilweise die Chance auf eine Normalisierung der BoJ-Politik einpreisen. Wer so denkt (und am FX-Markt handelt), muss sich allerdings bewusst sein, dass er den expliziten Aussagen der BoJ entgegensteht. Die betont seit langem, die expansive Geldpolitik lange fortsetzen zu wollen. Sie würde eher ein Überschießen der Inflation über das 2%-Ziel tolerieren, als nochmal zu riskieren, zu frühzeitig die geldpolitischen Zügel anzuziehen. So ihre Aussagen. Nicht immer kann man glauben, was Zentralbanker sagen. Doch der BoJ traue ich sehr wohl zu, aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben. Sie sitzt – im Gegensatz zu Fed und EZB – seit 20 Jahren in der Null-Inflations-Ecke und kommt nicht raus, obwohl sie alles versucht. Das prägt. Daher warne ich vor einem Yen-Optimismus, der auf Normalisierungs-Phantasien beruht.
 
Erhalten von der Commerzbank am 13.11.2017 um 11:22 Uhr.
Veröffentlicht durch die Börse Stuttgart am 13.11.2017 um 12:00 Uhr.