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Nur ein Ablenkungsmanöver? · 17.11.2017 09:58 Uhr

Tesla stellt E-Lastwagen vor

Tesla-Logo
Quelle: Sergio Monti Photography/Shutterstock
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Die Überraschung ist gelungen! Tesla hat einen Prototypen für einen E-Truck präsentiert, der ab 2019 gefertigt werden soll. Der Zeitpunkt scheint gut gewählt, denn zuletzt machte Tesla eher mit Problemen auf sich aufmerksam.

MÄRKTE & MACHER 4:44min, 17. November 2017, 11:44 Uhr
-von Thomas Zuleck, Börse Stuttgart News Redaktion-
Zuletzt lief es nicht wirklich rund bei Tesla. Die Produktion des Modells 3 lief bei weitem nicht so geschmiert wie erwartet und einen Rekordverlust gab es für das vergangene Quartal gleich oben drauf. Wenngleich die Aktionäre in den vergangenen Jahren Tesla und seinem Chef Elon Musk beständig die Treue hielten, hat diesen die Entwicklung der vergangenen Monate ganz und gar nicht geschmeckt. Der Aktienkurs des Elektropioniers brach empfindlich ein. Kurzzeitig fiel sogar die Marke von 300 US-Dollar. Es passt also ganz gut, dass man in der aktuellen Situation ein paar neue Produkte vorstellen kann. Ein wenig Ablenkung kann nicht schaden.

"Besser als ein Bugatti"

Das neue Prachtstück im Hause Tesla soll den Namen Semi tragen und bei voller Beladung und Autobahn-Geschwindigkeit eine Reichweite von 800 Kilometern haben. Für einen E-LKW wären solche Reichweiten ein Quantensprung. Der erst vor kurzem vorgestellte E-LKW von Daimler kommt gerade einmal auf eine Reichweite von 350 Kilometer. Den Vergleich mit „traditionellen“ Diesel-LKWs muss man allerdings auch bei Tesla (noch?) scheuen. Unter denselben Voraussetzungen kommt ein Diesel-LKW in etwa auf eine Reichweite von 1.600 Kilometern. Der neue Tesla-Semi soll jedoch mit ganz anderen Features als der Reichweite punkten. Der Tesla-LKW ist ein wahrer Kraftprotz wie Musk betont. Der stromlinienförmige LKW – ein Luftwiderstandswert von 0,36 cw, sei „besser als bei einem Bugatti“ wie Musk betont – soll in nur fünf Sekunden auf 120 km/h beschleunigen. Bei voller Beladung und selbst mit Hänger würde der LKW nur 15 Sekunden mehr benötigen. Doch weshalb das Ganze? Aus Sicht von Musk dient diese außerordentliche Beschleunigung der Effektivität. Der Tesla Semi könnte eine Steigung von fünf Prozent mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 104 km/h hinauf klettern. Ein Diesel-LKW wäre unter diesen Voraussetzungen sehr wahrscheinlich nicht viel schneller als 70 km/h. Neben einer steigenden Effizienz, kann Musk auch mit vermeintlichen „Kleinigkeiten“ aufwarten. So sollen beim Tesla-LKW beschädigte Windschutzscheiben der Vergangenheit angehören. Was erstmal trivial klingt ist vor allem für den US-Markt kein unwichtiges Detail: LKWs in den USA dürfen mit beschädigten Windschutzscheiben nicht mehr bewegt werden. Keinen Zentimeter. Egal wo der LKW steht, es muss abgeschleppt werden, was in vielen Regionen des mittleren Westens Fahrer immer wieder vor größere Probleme stellt.

Viele Fragen bleiben offen

Doch was soll das alles eigentlich kosten? Die entscheidende Frage hat Elon Musk noch ausgespart. Er will vor allem mit der höheren Effizienz und gesparter Dieselkosten punkten. Analysten schätzen jedoch, dass allein das riesige Batterie-Pack, immerhin gleich vier direkt unter der Zugmaschine, 100.000 US-Dollar kosten wird. Billig wird der Tesla-LKW also definitiv nicht werden, wenngleich Musk gesparte Dieselkosten von 200.000 US-Dollar pro Jahr gegenrechnet. Eine weitere zentrale Frage lautet, wie lange eigentlich die Batterien benötigen um wieder aufgeladen zu werden? Tesla rechnet vor, dass die Akkus in nur 30 Minuten auf gut 50 Prozent ihrer Kapazität aufgeladen werden könnten. Recht viel Zeit, aber die Fahrer müssen schließlich auch Pausen einlegen, so Musk.

Theorie versus Praxis

In der Theorie hat Musk die nächste Rakete gezündet. Die Eckdaten des neuen E-LKWs lesen sich geradezu fantastisch. Kritiker befürchten jedoch, dass es sich bei dieser „Rakete“ eher um eine "Nebelkerze" handeln könnte. Vor allem die Frage der ungeklärten Preisgestaltung wirft Fragen auf. Zudem darf nicht vergessen werden, dass es im Logistikgeschäft um harte Zahlen geht. Im Gegensatz zu den PKWs wird hier kein „Lifestyle“ verkauft, sondern es geht schlicht und ergreifend um Effizienz und Profitabilität. Zudem sind es Tesla-Kunden gewöhnt auf ihre Bestellungen warten zu müssen. Von Tesla ist das vielleicht sogar gewünscht, da dies natürlich zu gewissen Teilen zum Marketing und zur „Legendenbildung“ um Tesla gehört. Im Logistikbereich kann sich Tesla Lieferschwierigkeiten ganz sicher nicht erlauben. Der Verkauf von LKWs ist ein Flottengeschäft. Es geht schlicht um Konditionen und Termintreue. Und genau in diesem Bereich konnte Tesla zuletzt nicht wirklich überzeugen.
 
Erstellt am 17.11.2017 um 09:45 Uhr
Veröffentlicht am 17.11.2017 um 09:58 Uhr