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Interview mit Oliver Flaskämper · 21.11.2017 08:35 Uhr

Oliver Flaskämper: "Der Bitcoin kann scheitern, der Euro wird scheitern"

Bitcoins auf einer Tastatur
Quelle: Trong Nguyen/Shutterstock
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„Investiere bei einem Goldrausch nicht in die Goldgräber, sondern in Schaufeln“, meinte einst André Kostolany. Ein Weisheit, die auch auf das Thema Kryptowährungen zutrifft? Lieber „Schaufeln“ als Bitcoins?

AKTIEN 16:27min, 16. November 2017, 16:55 Uhr
Die Aktie der Bitcoin Group SE gehört bereits seit Wochen zu den meistgehandelten Basiswerten an der Börse Stuttgart. Der Kurs der Aktie stieg allein in den vergangenen drei Monaten um fast schon sagenhafte 600 Prozent. Ein Erfolg der in diesen Tagen kaum verwundert. Schließlich vergeht seit Monaten kein Tag ohne eine neue Wasserstandsmeldung zum Thema Bitcoin. Und mit Bitcoin.de betreibt die Bitcoin Group SE den bislanz einzigen deutschen Handelsplatz für die Kryptowährung. Doch die Frage stellt sich: Ist der Hype um Kryptowährungen und auch die Bitcoin Group vielleicht etwas übertrieben? Sehen wir die größte Blase seit 300 Jahren oder vielleicht doch der Beginn einer neuen digitalen Zeitrechnung? Börse Stuttgart TV sprach mit dem Gründer und Sprecher der Bitcoin Group, Oliver Flaskämper.
 
Börse Stuttgart: Herr Flaskämper, die Bitcoin Group kommt mittlerweile auf eine Marktkapitalisierung von mehr als 300 Millionen Euro. Wird Ihnen der Erfolg nicht langsam unheimlich?
Oliver Flaskämper: Wenn man seit nunmehr 6 Jahren im Bitcoin-Geschäft tätig ist, kann einen nichts mehr schocken. Aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass wir das erwartet hätten. Die Bewertung ist jetzt Ansporn für uns, die Erwartungen des Marktes in unsere Gesellschaft in der Zukunft zu erfüllen und im Idealfall zu übertreffen.
Was sagen Sie Kritikern, die sich angesichts des rasanten Aufstiegs ihres Unternehmens an den „Neuen Markt“ erinnert sehen?
Im Neuen Markt gab es ja viele Unternehmen, die außer eine Idee und geplanten Umsätzen nur Kosten vorzuweisen hatten. Wir haben mit Bitcoin.de ein bestehendes Geschäftsmodell, sind bereits profitabel und wachsen stark. Das hat mit dem Neuen Markt nicht viel gemein.
Sie betreiben mit Bitcoin.de den bislang einzigen Handelsplatz für die Kryptowährung in Deutschland. Wie kommt das eigentlich? Wieso gibt es in Deutschland bislang keine Konkurrenz?
Aus meiner Sicht werden Finanzinnovationen in Deutschland spätestens seit 2008 nicht mehr gerne gesehen. Ich kenne zahlreiche Gründer und Unternehmen, die versucht haben, ihr Geschäftsmodell in Deutschland umzusetzen. Die hohen Regulierungs-Hürden haben diese Unternehmen dann aber gezwungen, ins europäische Ausland zu gehen, wo man FinTechs gegenüber freundlicher eingestellt ist und neben den Risiken auch die Chancen für das eigene Land sieht. Hier hat Deutschland definitiv noch großes Potenzial, um es mal vorsichtig zu formulieren. So lange es politisch aber nicht gewollt ist, wird sich diesbezüglich vermutlich auch nichts ändern. Wir wollen weiterhin versuchen, in Deutschland tätig zu sein, da sich eigentlich niemand wünschen kann, dass deutsche Kunden gezwungen sind, für den Handel von Kryptowährungen ins Ausland gehen zu müssen.

Oliver Flaskämper - Gründer und Sprecher der Bitcoin Group SE
 
Kritiker der Kryptowährung warnen immer wieder, dass der Handel kaum bis gar nicht reguliert ist, viele Handelsplätze Angriffsflächen für Hacker bieten und selbst Verbote von staatlicher Seite nicht auszuschließen sind. Wie schätzen Sie das ein?
Also Deutschland ist ja das einzige Land in Europa, wo das Thema Kryptowährungen bisher reguliert ist. Wir haben hier aus meiner Sicht bereits gute Regelungen, die der Sicherheit der Nutzer dienen. Fast jeden Tag werden in Deutschland Banken überfallen und Geldautomaten gesprengt. Ist das ein Argument gegen den Euro als Währung? Ich denke nein. Dass Dienstleister im Bitcoin-Ökosystem von Hackern angegriffen werden, ist richtig und wird sich auch in Zukunft nicht gänzlich verhindern lassen. Tatsache ist aber auch, dass solche Angriffe heute deutlich seltener passieren, da die Anbieter von Bitcoin-Plattformen auch hier mit jedem Tag dazulernen. Zukünftige staatliche Verbotsversuche sind nicht ausgeschlossen, allerdings wären diese eher kontraproduktiv, da Staaten dann keine Informationen mehr aus der anonymen Blockchain erhalten. Erst durch die Kombination von anonymen Transaktionen mit Daten von realen Personen gibt es überhaupt Ermittlungsansätze für Behörden. Und solche Personendaten kommen z. B. von Börsen und Marktplätzen. Daher macht es mehr Sinn, Kryptowährungen vernünftig zu regulieren, statt diese zu verbieten. Das sehen praktisch alle Ermittlungsbehörden, mit denen wir zu tun haben, genauso.
Viele Ihrer Konkurrenten aus dem Ausland können dennoch viel freier agieren. Ist das nicht ein Wettbewerbsnachteil für Sie?
Ja und nein. Auf der einen Seite macht es uns die Regulierung in Deutschland sicherlich nicht einfach, unser bestehendes Geschäftsmodell weiterzuentwickeln. Auf der anderen Seite ist der „Standort Deutschland“ auch ein ein Wettbewerbsvorteil, den man nicht gering schätzen darf. Wir schauen uns unsere Wettbewerber aber aufmerksam an und werden uns nicht scheuen, im europäischen Ausland nach Alternativen Ausschau zu halten, wenn Deutschland im Bereich Kryptowährungen weiterhin eher abwehrend agiert.
Wie darf man sich den Handel mit Bitcoins eigentlich vorstellen? Wie läuft das ab?
Bitcoin.de ist aus regulatorischen Gründen keine Börse, sondern ein Marktplatz. Der Unterschied liegt darin, dass ein interessierter Käufer immer von einem ihm bekannten Verkäufer Kryptowährung erwirbt. Die Zahlung des Kaufpreises erfolgt ebenfalls immer an einen Verkäufer. Wenn der Verkäufer die Zahlung des Käufers anschließend auf seinem Bankkonto erhalten hat, gibt er die gekauften Bitcoins über Bitcoin.de an den Käufer frei. Bitcoin.de ist also ähnlich wie eBay nur ein Vermittler zwischen Käufer und Verkäufer und sorgt dafür, dass der Handel möglichst reibungslos erfolgt.
Schauen wir noch ein wenig auf den Bitcoin selbst: Wir haben in den vergangenen Monaten doch teilweise erheblich Ausschläge nach oben, aber immer wieder auch nach unten gesehen. Wie ist diese Volatilität des Bitcoins zu erklären? Einflussfaktoren wie Zinsdifferenzen oder unterschiedliche Inflations- und Wachstumserwartungen spielen schließlich keine Rolle…
Der Bitcoin unterliegt, ähnlich wie der Goldmarkt, den freien Kräften des freien und unregulierten Marktes. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Und wenn mal ein Verkäufer eine größere Menge Bitcoins in den Markt gibt, dann hat das auch größere Auswirkungen auf den Kurs. Wer nicht damit leben kann, dass der Kurs an einem Tag auch mal um 50 % nach unten geht, der darf nicht in Kryptowährungen investieren. Kryptowährungen sind nichts für schwache Nerven, nichts für Fans von Sparbüchern und sicherlich auch noch nichts für die private Altersvorsorge. Zudem wissen wir ja, dass man in nichts investieren soll, das man nicht versteht. Wer also Interesse hat, in Kryptowährungen zu investieren, der sollte sich zunächst einmal über die faszinierende Technologie informieren und dann Geld nehmen, dessen Verlust man im schlimmsten Falle verschmerzen kann.
Eine zentrale Frage wird sein, wie sich die Nutzungsmöglichkeit des Bitcoins entwickeln wird. Wie lautet Ihre Einschätzung? Werden wir bald unsere Einkäufe bei Amazon & co. mit Bitcoins bezahlen?
Das wird aus meiner Sicht irgendwann passieren, aber bereits jetzt gibt es Dienstleister, über die ich bei Amazon oder jedem anderen Online-Shop einkaufen kann. Ich sage dem Dienstleister, welches Produkt ich kaufen möchte und bezahle diesen in Bitcoin. Der Dienstleister wiederum kauft anschließend für mich die Waren im Online-Shop ein und lässt mir diese an meine von mir vorgegebene Lieferadresse zusenden. Die Nutzung von Bitcoin als Zahlungsmittel ist aber nur eine Option, da die meisten Investoren gar nicht mit Bitcoins zahlen wollen, sondern es eher als eine Art „digitales Gold“ betrachten, welches aufgrund der Limitierung auf 21 Mio. Bitcoins – ähnlich wie physisches Gold – primär gehortet wird. Bitcoins sind daher auch weniger geeignet mit staatlichem Geld verglichen zu werden, da staatliches Geld immer die Möglichkeit beinhaltet, die Geldmenge zu steuern. Dass dies bei Bitcoins nicht möglich ist, ist der Hauptgrund für die meisten Investoren, Bitcoins ihr Vertrauen zu schenken – das Vertrauen in die mathematisch gesicherte Seltenheit und damit Verhinderung einer Inflation.
In einem anderen Interview meinten Sie: „Der Bitcoin kann scheitern, der Euro wird scheitern“. Können Sie das kurz erklären?
Ich muss vorausschicken, dass ich kein grundsätzlicher Gegner von Europa oder einer Gemeinschaftswährung bin. Dennoch bin ich der Meinung, dass der Euro, so wie er konstruiert wurde, am Ende scheitern wird, ja scheitern muss. Eine Währung von Ländern mit unterschiedlichen Steuer, Sozial-, Gesundheits- und Rechtssystemen, die sich nur durch sparen und nicht mehr durch die Abwertung einer eigenen Währung sanieren können, ist aus meiner Sicht eine Fehlkonstruktion. Der Bitcoin hingegen, der staatliche Währungen nie ersetzen, sondern immer nur eine paralelle Weltwährung bleiben wird, kann zwar immer noch scheitern, aber die Limitierung der Geldmenge und die Absicherung über die mathematischen Gesetze lassen das Risiko eines Scheiterns von Tag zu Tag geringer werden.
Herr Flaskämper, vielen Dank für das Gespräch.