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Designierter Fed-Chair im Verhör · 29.11.2017 13:13 Uhr

Jerome Powell: Der "De-Regulierer"?

Gebäude der Fed in Washington
Quelle: Joseph Sohm/Shutterstock
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Der designierte neue Fed-Chef hat seine erste größere Feuerprobe bestanden. Bei einer Anhörung im Senat gab er sich keine Blöße. Doch eine Frage stellt sich: Wird Powell zum großen „De-Regulierer“?

-von Thomas Zuleck, Börse Stuttgart News Redaktion-
Beobachter sahen gestern einen eher vorsichtig agierenden Powell. Hin und wieder vermied es der künftige Fed-Chef sich festzulegen und wich geschickt aus. Für einen künftigen Notenbank-Chef grundsätzlich kein schlechtes Vorgehen. Vor allem, da sich Powell in der komfortablen Situtation befindet – im Gegensatz zu seiner Vorgängerin – seine Rolle erst noch finden zu dürfen. Wenngleich Powell sehr bedacht agierte, so wurde gestern doch recht deutlich was man vom neuen Fed-Chair erwarten darf.

Powell wird wohl Yellens Kurs folgen

In groben Zügen kann man davon ausgehen, dass Powell den eingeschlagenen Kurs seiner Vorgängerin Janet Yellen weiter verfolgen dürfte. Wie er mehrfach klar stellte, werde sich die Fed auch künftig von keiner Partei vor den Karren spannen lassen. Die Fed war, ist und bleibt unabhängig. Was die Zinsfrage angeht, wurde Powell erstaunlich konkret. Zwar könne er der Entscheidung seiner Kollegen selbstverständlich nicht vorgreifen, doch „die Umstände sprechen dafür“, dass es bereits im kommenden Dezember zu einer weiteren moderaten Erhöhung kommen werde. Die Bilanzsumme der Fed, so Powell, werde auch unter seiner Ägide weiter schrumpfen und in drei bis vier Jahren bei rund 2,5 bis 3,0 Billionen Euro liegen. Wenngleich diese Zahlen nur „eine Schätzung“ darstellen, so scheint klar, wohin die Reise gehen wird. Fast schon ein wenig philosophisch wurde bei Powell bei der Frage wie er die wachsende Ungleichheit in den Griff bekommen möchte. Auch hier bewegt sich Powell auf einer Linie mit seinen Vorgängern, in dem er betonte, dass diese Ungleichheit nicht nur ein soziales, sondern vor allem auch ein wirtschaftliches Problem darstelle. Aus seiner Sicht helfe es mittelfristig nur, wenn man allen Bürgern die bestmögliche Ausbildung zukommen lasse.

Keine US-Bank mehr "too big to fail"

Ein Kernthema der gestrigen Anhörung war die Frage, wie Powell künftig mit der Regulierung des Finanzmarktes umgehen möchte. Die demokratische Senatorin Elizabeth Warren warf Powell immer wieder vor, die Bankenregulierung zurückdrehen zu wollen, womit das ganze Finanzsystem erneut gefährdet würde. Powell blieb gelassen. Aus seiner Sicht sei aktuell keine US-Bank mehr „too big to fail“, das systemische Risiko innerhalb des Sektors sei demnach überschaubar. Was die Regulierung angeht, so ist dennoch nicht ganz klar, wie die konkreten Überlegungen von Powell aussehen. Einerseits sprach er sich dafür aus die sogenannte „Volcker-Regelungen“ neu zu fassen. Diese „Volcker-Regel“ verbietet Banken, vereinfacht gesagt, gefährliche Geschäfte. Wie genau jedoch diese Neuregelung aussehen soll, ließ Powell offen. Andererseits betone Powell noch einmal, dass er an den geschaffenen „Säulen“ im Zuge der Finanzkrise festhalten möchte. So sollen die Banken auch weiterhin hohe Kapitalpuffer und Liquiditätsreserven vorhalten. Stresstests soll es ebenfalls weiterhin geben, genauso wie die Möglichkeit notleidende Banken notfalls abzuwickeln. Powell behält sich zudem vor, auf alle derzeit geltenden Regeln und Regulierungsmaßnahmen einen „frischen Blick“ zu werfen. Auf die Frage seiner ärgsten Kritikerin, Elizabeth Warren, ob es aus seiner Sicht derzeit Regeln gebe, die verschärft werden müssten, antwortete Powell mit einem klaren „Nein“.

Finanzinstitute haussieren

Klar scheint, dass US-Banken vom neuen Fed-Chair – vorerst – nicht allzu viel Gegenwind erwarten dürften. Im Gegenteil. Mit Jerome Powell - einem ehemaligen Investmentbanker – bekommen die US-Finanzinstitute einen Mann der die Bedürfnisse der Finanzmarktakteure sehr genau kennt. Insofern verwundert es wenig, dass am heutigen Handelstag vor allem US-Bank-Werte wie JP Morgan Chase oder auch Goldman Sachs haussieren und zu den großen Gewinnern am US-Aktienmarkt gehören. Powell selbst sieht das anders. Er sieht sich ganz und gar nicht als den großen „De-Regulierer“ und will seine Aussagen auch nicht dahingehend verstanden wissen. Zumindest sollte man Powell ein wenig Zeit geben. Ein Luxus, den beispielsweise seine Vorgängerin nicht hatte. Janet Yellen musste sich ab ihrem ersten Tag als Fed-Chair um die Aufräumarbeiten nach der Finanzkrise kümmern. Probleme, die Powell nun nicht mehr hat. Wenngleich die US-Wirtschaft an der ein oder anderen Stelle noch fragil erscheint, die soziale Ungleichheit zunimmt und mikro- und makroökonomische Herausforderungen auf ihn warten, so kann er dennoch auf ein halbwegs stabiles Fundament blicken. Wichtig wird jedoch sein, dass er das Luxusgut „Zeit“ richtig zu nutzen versteht. Den Rückhalt aus beiden politischen Lagern scheint er jedenfalls zu haben.
 
Erstellt am 29.11.2017 um 13:00 Uhr
Veröffentlicht am 29.11.2017 um 13:13 Uhr