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Ein Portrait · 20.02.2018 10:11 Uhr

EZB: Luis de Guindos soll EZB-Vize werden

deisgnierter EZB-Vize-Chef Luis de Guindos
Quelle: YiAN Kourt/Shutterstock
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Also doch ein Südeuropäer. Selten wurde über einen EZB-Stellvertreter-Posten schon im Vorfeld so viel spekuliert wie jetzt. Die Eurofinanzminster wollen einen Spanier. Doch wer ist eigentlich Luis de Guindos?

-von Thomas Zuleck, Börse Stuttgart News Redaktion-
 
Der designierte EZB-Vizepräsident Luis de Guindos kennt sich aus mit Krisenbewältigung. Unter der Regierung von José Maria Aznar noch Staatssekretär im Wirtschatsministerium, wechselte der studierte Wirtschaftswissenschaftler nach dem Wahlsieg der Sozialisten in die Privatwirtschaft – zur US-Investmentbank Lehmann Brothers. De Guindos verantworte das Spaniengeschäft und erlebte den Untergang des Traditionshauses sowie den Beginn der Finanzkrise hautnah mit. Noch heute betont de Guindos die für ihn „schwierige Erfahrung“. Dabei war diese Erfahrung für ihn gleich aus zweierlei Hinsicht schwierig: "Einigen meiner Leute in Spanien, die mit der globalen Situation auf den Finanzmärkten nichts zu tun hatten, ging es auf einmal sehr schlecht. Für sie war ich verantwortlich und habe mich mit ihnen solidarisiert." De Guindos war eben nicht nur Lenker einer Investmentbank der nun seine Kollegen entlassen musste, er war eben auch Spanier, der mit ansehen musste, dass die Arbeitslosigkeit in seinem Land auf ungeahnte Höhen empor schoss. Es galt demnach wieder etwas gut zu machen. Nach einer kurzen Zwischenstation bei PWC kehrte de Guindos im Dezember 2011 unter Mariano Rajoy als Wirtschaftsminister in die Politik zurück. Aus seiner Sicht eine durchaus gelungene Rückkehr: "In Spanien geht es seit 2013 wieder bergauf. Seitdem sind etwa 1.600.000 Jobs entstanden. Wir kehren auf das Vorkrisen-Niveau zurück. Allerdings fehlen immer noch etwa anderthalb Millionen Arbeitsplätze, um auf dem Stand zu sein, den wir zu Beginn der Krise 2008 hatten."

In Spanien umstritten

In Spanien sieht man das ein wenig anders. Bereits die Ernennung zum Wirtschaftsminister vor knapp sechs Jahren war umstritten. Viele Spanier sehen in de Guindos eine Symbolfigur der Volkspartei PP, die zuletzt immer wieder von Korruptionsvorwürfen heimgesucht wurde. Doch auch seine diversen Posten in der Privatwirtschaft trugen ebenfalls nicht gerade zur Beliebtheit bei. Seine Anstellung bei Lehman fällt dabei nicht unbedingt weiter auf, da es weit hergeholt wäre, ihm den Niedergang der Investmentbank anzukreiden. Schwere wiegt schon eher sein Verwaltungsratsposten bei der Bank Mare Nostrum. Die Bank musste nach seinem Abgang mit Steuergeld gerettet werden. Apropos Steuergeld. In Spanien hat man de Guindos Worte nicht vergessen, dass die Rettung diverser Banken den Steuerzahler keinen Cent kosten würde. Die spanische Zentralbank beziffert die Verluste aus der Rettung jedoch auf über 60 Milliarden Euro. Weitere Milliarden könnten hinzukommen. Doch auch politisch hat sich de Guindos in Spanien einen gewissen „Ruf“ erarbeitet. Hier wäre einmal seine enge Verbindung zu Rodrigo Rato. Der ehemalige Wirtschaftsminister ernannte de Guindo 2002 zum Staatssekretär im Wirtschaftsministerium und gilt als eine Art Ziehvater für de Guindo. Der damaligen Regierung wird vorgeworfen, die Grundlagen für die Immobilienblase gelegt und mit der herrschenden Kultur fester Zinsen gebrochen zu haben. Sicher, de Guindo und Rato waren nicht allein dafür verantwortlich, doch ohne die beiden Strippenzieher im Wirtschaftsministerium, hätte der Bauboom wohl kaum um sich greifen können. Rato wurde übrigens am 16. April 2015 von der Madrider Polizei festgenommen. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt ihn der Geldwäsche, Verschleierung von Vermögenswerten und Steuerbetrug. Die Bankia-Führung, deren Vorstandsmitglied Rato zu dieser Zeit war, soll zudem beim Börsengang 2011 Bilanzen gefälscht und Hunderttausende Kleinanleger betrogen haben.

Erfolge? Ja, aber...

Nun wäre es jedoch unseriös de Guindos für die Verfehlungen seines ehemaligen Ziehvaters verantwortlich zu machen. Entsprechend gilt es, sich die Leistungen de Guindos etwas näher anzusehen. Betrachtet man sich die Arbeitslosenrate in Spanien so kann de Guindos durchaus Erfolge vorweisen. Seit seinem Amtsantritt sank diese immerhin von 26,1 Prozent auf mittlerweile 17,12 Prozent im Jahr 2017 (Quelle: statista). Betrachtet man nur die prozentuale Veränderung so sieht das geradezu prächtig aus, doch mit 17,12 Prozent kommt Spanien immer noch auf die zweihöchste Erwerbslosenquote im Euroraum. Nur Griechenland kommt auf einen höheren Wert, wenngleich sich auch hier die Zahlen langsam etwas verbessern. Rein faktisch liegt die spanische Arbeitslosenquote noch immer mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt des Euroraums. Betrachtet man das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Spaniens, so hat sich in den vergangenen Jahren eher wenig zum Positiven bewegt: 2013 wies Spanien laut Statista ein BIP von 1.362 Milliarden US-Dollar aus. Im Jahr 2017 waren es noch 1.307 Milliarden US-Dollar. Und das auch nur, nachdem es in den vergangenen beiden Jahren wieder etwas deutlicher nach oben ging. 2015 lag das BIP sogar nur noch bei 1.193 Milliarden US-Dollar. Laut Eurostat ist zudem mittlerweile jeder fünfte Spanier mittelbar oder unmittelbar armutsgefährdet. Für den Euroraum ein alarmierender Wert.
 
Erstellt am 20.02.2018 um 10:00 Uhr
Veröffentlicht am 20.02.2018 um 10:10 Uhr
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