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Wird Weidmann neuer EZB-Chef? · 23.02.2018 10:50 Uhr

Draghi-Nachfolge: Weidmann als Pik-Ass im Machtpoker

Bundesbankchef Jens Weidmann
Quelle: Bundesbank/Presse
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Folgt man der Berichterstattung von dieser Woche so ist das Rennen um die Nachfolge von Mario Draghi bereits gelaufen. Die Nominierung von Luis de Guindos zum EZB-Vize lässt keinen anderen Schluss zu. Soweit die Theorie…

-von Thomas Zuleck, Börse Stuttgart News Redaktion-
 
Das Spiel ist gelaufen. Das könnte man zumindest meinen, wenn man die Berichterstattung in diesen Tagen verfolgt. Nachdem die Eurogruppe nun mit Luis de Guindos einen Spanier vorgeschlagen hat, steht einer Nominierung von Jens Weidmann zum EZB-Chef im kommenden Jahr nicht mehr im Wege. Klar, die europäischen Staats- und Regierungschefs müssen die Nominierung am 22. März noch absegnen, doch das sollte kein größeres Problem darstellen. Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Um das zu verstehen, muss man vielleicht die Europäische Union als Ganzes etwas näher betrachten. Es geht weniger um Fragen der Herkunft und ob der neue EZB-Chef nun ein Süd- oder Nordeuropäer ist. Es geht vor allem darum, wer seine Karten am besten ausspielt. Es fängt an mit der Tatsache, dass der irische Finanzminister Paschal Donohoe die Nominierung des irischen Zentralbankchefs Philip Lane zurückzog. Lane galt vielen Beobachtern als der aussichtsreichere Kandidat für den Vize-Posten, was sich nicht zuletzt in der Unterstützung des Europaparlaments offenbarte. Der ehemalige Wirtschaftsprofessor gilt als ausgewiesener Fachmann mit bestem Ruf in der Wissenschaft und blickt zudem auf eine weitaus weniger schillernde Vergangenheit als de Guindos zurück (siehe auch: EZB – Luis de Guindos soll EZB-Vize werden). Doch offenbar haben die Iren mit Lane andere Pläne. Den überraschenden Rückzug werten einige Beobachter dahingehend, dass die Iren Philip Lane als EZB-Chefvolkwirten ins Rennen schicken wollen. De facto ist die Position des Chefvolkswirts deutlich wichtiger als jene des Vizepräsidenten. Der Chefvolkswirt gibt nichts weniger als die Leitlinien der Geldpolitik vor. Durch die Kandidatur als EZB-Vize und dem anschließenden Verzicht auf diesen Posten haben die Iren nun „einen gut“. Aus Sicht der Iren ein geschickter Zug, der allerdings auch verdeutlicht wie das „Spiel“ bisweilen funktioniert. In den kommenden Jahren sind einige Führungsposten innerhalb der Europäischen Union zu vergeben, worunter der EZB-Präsident nur einer ist. Es wird demnach auch ein wenig davon abhängen, wie klug Berlin seine Karten in Brüssel ausspielen wird und ob man dazu bereit ist, auf anderer Ebene einen Rückzieher zu machen. Dann, und nur dann, wäre der Weg für Jens Weidmann auch auf anderer Ebene tatsächlich frei.

Gegenpole prallen aufeinander

Das Personalkarussell dreht sich also nicht nur bei der EZB, was indirekt jedoch wieder Einfluss auf das Geschacher innerhalb der Notenbank haben könnte. So spekuliert FAZ-Herausgeber Holger Steltzner, dass die Draghi-Nachfolge indirekt über die Juncker-Nachfolge als Kommissionspräsident entschieden werden könnte: „Amtsinhaber Juncker, der nicht mehr antritt, schlug bei der letzten EU-Parlamentswahl als erfolgreicher „Spitzenkandidat“ den Staats- und Regierungschefs das ihnen vertraglich zustehende Vorschlagsrecht aus der Hand. Wird sich das im nächsten Jahr wiederholen? Was macht Frankreichs Staatspräsident Macron, der gut und viel über Europa redet, aber zuerst französische Interessen vertritt? Soll ein Franzose oder eine Französin die nächste EU-Kommission führen?“ Mit dem französischen Notenbank-Chef Villeroy de Galhau haben die Franzosen tatsächlich einen aussichtsreichen Gegenkandidaten für Weidmann, der sich ebenfalls Hoffnungen auf eine Nachfolge Draghis machen dürfte. De Galhau wäre aus mehrerlei Hinsicht ein echter Gegenpol zu Weidmann, was die Angelegenheit umso spannender machen dürfte.

EZB-Rat: Das Zünglein an der Waage?

Mit Weidmann und de Galhau würden zwei ideologische Gegenpole aufeinandertreffen. De Galhau würde vor allem für Kontinuität stehen. Wie Mario Draghi oder auch der designierte neue Vize-Chef de Guindos gilt der Franzose als „Taube“. Das heißt de Galhau würde voraussichtlich weiter auf einen eher expansiven geldpolitischen Kurs setzen, was nicht zuletzt einigen südeuropäischen Staaten zu Gute kommen dürfte. Jens Weidmann wäre genau das Gegenteil – ein „Falke“. Bereits in den vergangenen Jahren kritisierte der Bundesbankchef immer wieder die expansive Politik der EZB und stellte sich somit teilweise gegen die Mehrheit im EZB-Rat. Das hat ihm nicht nur Freundschaften eingebracht. Doch als potenzieller EZB-Präsident wäre Weidmann eben auf Mehrheiten im EZB-Rat angewiesen. Ohne diese Mehrheiten würde Weidmann sehr schnell zu einem Reiter ohne Pferd.

Weidmann belibet aussichtsreicher Kandidat

Trotzdem spricht im Augenblick einiges dafür, dass Jens Weidmann auf Mario Draghi folgen könnte. Das hat gleich mehrere Gründe. Erstens: Aus dem Rennen um die Nachfolge von Jean-Claude Juncker als Kommissionspräsident hat sich Berlin bereits mehr oder weniger verabschiedet. Als Favorit auf seine Nachfolge gilt aktuell der Franzose Michel Barnier. Sollte jedoch ein Franzose Kommissionspräsident werden, gilt es als ausgeschlossen, dass auch die EZB-Spitze mit einem Landsmann besetzt wird, um die Macht-Arithmetik innerhalb der EU nicht nachhaltig zu gefährden. Zweitens: Neben de Galhau hat nur der niederländische Notenbank-Chef Klaas Knot noch Außenseiterchancen auf den Chefposten im Frankfurter Euro-Tower. Weitere Kandidaten gibt es bis dato nicht. Knot und de Galhau haben jedoch einen entscheidenden Wettbewerbsnachteil: Mit Jean-Claude Trichet und Wim Duisenberg standen bereits ein Franzose sowie ein Niederländer an der Spitze der EZB. Einen deutschen EZB-Chef hat es bislang noch nie gegeben. Drittens: Die bereits erwähnte Macht-Arithmetik innerhalb der Union wollte es bislang so, dass der EZB-Chef und sein Vize eher unterschiedliche Ideologien vertreten. So war es bislang Usus, dass beide Posten jeweils von einem „Falken“ und einer „Taube“ besetzt wurden. De Guindos gilt als „Taube“. Jens Weidmann gilt als „Falke“. Viertens: Mit Sabine Lautenschläger und Peter Praet stellt Deutschland derzeit zwei Mitglieder im sechsköpfigen EZB-Direktorium und ist somit deutlich überrepräsentiert. Da die Amtszeit von Peter Praet im Mai 2019 endet, scheint gut vorstellbar, dass Berlin diesen Posten zu Gunsten der EZB-Präsidentschaft „opfert“.
 
Erstellt am 22.02.2018 um 16:00 Uhr
Veröffentlicht am 23.02.2018 um 10:50 Uhr
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