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Li Shufu steigt bei Daimler ein · 26.02.2018 09:43 Uhr

Daimler und Geely: Eine Liaison mit Konfliktpotenzial

Closeup of front view Luxury car white cabrio Mercedes-Benz C200 with red roof. Car parking in front of car store Daimler
Quelle: Tadeas Skuhra/Shutterstock
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Der chinesische Autobauer Geely ist zum größten Einzelaktionär bei Daimler aufgestiegen. Wie am vergangenen Freitag nach Börsenschluss bekannt wurde, sicherte sich Geely-CEO Li Shufu fast zehn Prozent der Daimler-Anteile.

-von Thomas Zuleck, Börse Stuttgart News Redaktion-
 
„Die Daimler AG bestätigt, dass sich der Unternehmer Li Shufu mit 9,69% (103.619.340 Aktien) an dem Unternehmen beteiligt hat. Daimler freut sich, mit Li Shufu einen weiteren langfristig orientierten Investor gewonnen zu haben, der von der Innovationsstärke, der Strategie und dem Zukunftspotential von Daimler überzeugt ist.“ Die Pressemitteilung von Daimler ist knapp. Äußerst knapp. Die Meldung zum Einstieg von Li Shufu bei Daimler, wird in Stuttgart Untertürkheim mit gerade einmal vier knappen Sätzen kommentiert. Mehr gibt es nicht. Dabei ist der Chinese seit vergangenem Freitag offiziell größter Einzelaktionär bei Daimler und lässt somit die Investoren aus Kuwait (6,8 Prozent) oder auch Renault (3,1 Prozent) deutlich hinter sich.

Wer ist Li Shufu?

Li Shufu wurde 1963 in Taizhou geboren und stieg in den vergangenen Jahren zu einem der reichsten Chinesen auf. „Forbes“ beziffert sein aktuelles Vermögen auf 18,8 Milliarden US-Dollar. Bereits 1986 gründete er die Zhejiang Geely Holding Group Co. Ltd. Damals noch ein Hersteller von Kühlschrankteilen. Mittlerweile ist Geely zum zweitgrößten privaten Automobilhersteller in China aufgestiegen. Aus Lis Sicht war der Schwenk von Kühlschrankteilen zur Automobilindustrie nicht weiter schwierig. Autos zu bauen sei schließlich nicht besonders kompliziert: „Man braucht dafür nur vier Reifen und zwei Sofas“. Bei der Optik dieser „Sofas“ sah sich manch Ingenieur von BMW oder Daimler an eigene Ideen erinnert - vor allem bei den etwas älteren Fahrzeuge der Geely-Modell-Reihe. Technisch hat sich Geely immer wieder beim japanischen Autobauer Daihatsu orientiert, was zu BEginn ebenfalls kaum jemanden überraschte. Doch der Erfolg gab Li Recht. Bereits 2004 verkaufte Geely gut 200.000 Fahrzeuge. Bis 2020 sollen es mindestens zwei Millionen sein.
Bis 2008 war Geely vor allem auf dem chinesischen Markt präsent und bekannt. Das änderte sich jedoch 2008. In diesem Jahr äußerte Li sein Interesse bei Volvo einzusteigen, beziehungsweise die damalige Ford-Tochter sogar zu übernehmen. Im März 2009 wiederholte Li sein Angebot, was schlussendlich von Ford akzeptiert wurde. Nur ein Jahr später übernahm Geely den schwedischen Autobauer für umgerechnet 1,8 Milliarden US-Dollar.

Volvo als Vorbild?

Die Liaison zwischen Geely und Volvo entwickelte sich, für manchen Beobachter etwas überraschend, zu einer dauerhaften und vor allem glücklichen Beziehung. Li wollte entgegen vieler Befürchtungen den Konzern keineswegs zerschlagen. Im Gegenteil: Li ließ Volvo-CEO Hakan Samuelsson weitestgehend freie Hand und dieser dankte es Li damit, dass er den schwedischen Autobauer zurück in die Erfolgsspur führte. Volvo ist längst zurück auf Wachstumskurs und steigerte allein im vergangenen Jahr seine Verkäufe um mehr als 60 Prozent. Keinesfalls eine selbstverständliche Entwicklung, wenn man bedenkt, dass Volvo vor wenigen Jahren noch als schwerer Sanierungsfall galt. Dass nun Li im Falle von Volvo eher als stiller Beobachter in Erscheinung getreten ist, dürfte Daimler-CEO Zetsche durchaus in die Karten spielen. Zetsche konnte in den vergangenen Jahren ebenfalls mehr oder weniger allein die Geschicke beim Stuttgarter Autobauer lenken. Die Aktionäre aus Kuwait gaben sich in der Vergangenheit mit einer ordentlichen Dividende zufrieden und haben sogar erst seit wenigen Monaten einen Sitz im Aufsichtsrat. Renault war von Beginn an ohnehin nicht mehr als ein Junior-Partner, mit dem man vor allem in eher unkritischen Entwicklungsbereichen kooperierte. Weshalb sollte Li Zetsche also dazwischenfunken? Es gibt eigentlich keinen Grund. So weit, so gut. Der Einstieg bei Daimler lässt sich jedoch nur schwer mit der Übernahme von Volvo vergleichen. Volvo war beim Einstieg Geelys der bereits erwähnte Sanierungsfall. Bei Daimler wiederum laufen die Geschäfte derzeit geradezu prächtig. Während Volvo vom Technologietransfer und -austausch zum damaligen Zeitpunkt nur profitieren konnte, stellt sich die Situation für Daimler ungleich schwieriger dar. Der Stuttgarter Autobauer ist in den beiden Zukunfts- Bereichen Elektromobilität und autonomes Fahren sehr gut aufgestellt. Da ist es nur verständlich, dass man dieses Wissen nicht unbedingt teilen möchte. Schon gar nicht mit einem direkten Konkurrenten.
Zudem ist Daimler in China bereits gut vernetzt und kooperiert mit den Geely-Konkurrenten BAIC und BYD. Erst gestern kündigte Daimler an, dass man eine weitere Milliarden-Investition im Reich der Mitte anstrebe. Gemeinsam mit dem langjährigen chinesischen Partner BAIC Motor will Daimler die Produktionskapazitäten der Marke Mercedes-Benz ausbauen, um die steigende Nachfrage besser bedienen zu können. Konfliktpotenzial gibt es also genug.
Doch auch bei der weiteren strategischen Ausrichtung dürfte es in den kommenden Monaten zu Diskussionen kommen. Die deutschen „Autobosse“ um Zetsche und Matthias Müller werden derzeit nicht müde zu betonen, dass dem „modernen Diesel“ – trotz aller Probleme – die Zukunft gehöre. Li sieht das anders. Geely ist extrem auf die Elektromobilität ausgerichtet. Volvo mittlerweile auch. Sollte Li nun in den Daimler-Aufsichtsrat aufrücken, wovon auszugehen ist, wird interessant zu sehen sein, wie sich Daimler strategisch künftig aufstellen wird. Der Diesel ist jedenfalls nicht mehr sakrosant.

Zetsche wird zum Diplomaten

In den kommenden Monaten wird demnach vor allem Dieter Zetsches Geschick als Diplomat gefragt sein. Wird er es schaffen die teilweise doch sehr unterschiedlichen Interessen im Innen- wie im Außenverhältnis des Autobauers unter einen Hut zu bekommen? Einfach wird es nicht werden. Zumindest die Geely-Aktionäre feiern den Einstieg bei Daimler und die Aktie schießt in Hongkong förmlich um gut acht Prozent nach oben. Die Anteilseigner von Daimler sind da nicht ganz so euphorisch. Mit einem Minus von knapp 1,8 Prozent gehört die Daimler-Aktie am Vormittag zu den größten Verlierern am deutschen Aktienmarkt.
 
Erstellt am 26.02.2018 um 09:30 Uhr
Veröffentlicht am 26.02.2018 um 09:42 Uhr
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