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Britisches Pfund · 20.03.2018 10:42 Uhr

Übertriebene GBP-Reaktion auf Brexit-Nachrichten

British Pound
Quelle: jax10289 / Shutterstock.com
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Die Nachricht, dass sich die EU und Großbritannien auf eine Übergangsphase einigen, schickte das Pfund gestern auf einen Höhenflug. 80 Prozent des Austrittsabkommens sind in trockenen Tüchern. Aber was ist mit den 20 restlichen Prozent?

- Gastbeitrag von Thu Lan Nguyen (Analyst FX & EM Research Commerzbank) -
GBP: „Brexit-Durchbruch: EU und Großbritannien einigen sich auf Übergangsphase“ war gestern die große Schlagzeile, die überall in den Medien prangte und das Pfund auf einen Höhenflug schickte. Allzu überrascht war ich über die Nachricht zunächst nicht. Denn schon am Freitag gab es Hinweise darauf, dass eine Einigung in den Verhandlungen über das Wochenende greifbar wäre. Wenn ich mir allerdings das Endergebnis so anschaue, muss ich klar sagen, dass ich mich hinters Licht geführt fühle. Die Schlagzeile suggeriert, dass die Übergangsphase quasi in trockenen Tüchern sei, was aber ganz und gar nicht der Fall ist. Die EU veröffentlichte gestern den Entwurf für das Austrittsabkommen, in dem ganze Passagen in verschiedenen Farben markiert sind. Grün steht dabei für die Punkte, über die man sich geeinigt hat und die kaum noch verändert werden sollen. Und ja, etwa 80% des Papiers ist grün gefärbt, also ist man sich über den Großteil der Austrittsmodalitäten tatsächlich einig. Man findet sogar Kompromisse auf beiden Seiten. So hat sich die britische Seite beim Thema EU-Bürgerrechte breitschlagen lassen und erkennt zudem an, dass der Status Quo in der Übergangsphase beibehalten wird, Großbritannien aber seine Stimmrechte in der EU verliert. Den Unternehmen würde das aber zumindest die Sicherheit geben, dass sich nach dem offiziellen Austritt Ende März 2019 zunächst nichts ändert. Auf der anderen Seite akzeptiert die EU, dass Großbritannien schon in der Übergangsphase Handelsabkommen mit Drittländern aushandelt. Beide Seiten sind somit aufeinander zugekommen (die Briten jedoch in mehr Punkten als die EU). Interessant sind allerdings die 20% des Austrittsabkommens, über die sich die EU und Großbritannien noch nicht einig sind:
• Die Grenze zwischen Irland und Nordirland: Die Briten wollen nach wie vor nicht akzeptieren, dass Nordirland einen Sonderstatus erhält und weiterhin in der EU-Zollunion bleibt. Allerdings fehlt es an einer Alternativlösung. Die Frage, wie eine Grenze zwischen Irland und Nordirland vermieden werden kann, ohne dass Großbritannien Teil der Zollunion bleibt, ist weiterhin ungeklärt.
• Die Kontrollstruktur während der Übergangsphase: Großbritannien bleibt zwar im Grunde genommen für weitere knapp 2 Jahre Teil der EU, will sich aber in dieser Zeit nicht dem Europäischen Gerichtshof unterstellen. Diese Kontrollstruktur ist jedoch ein integraler Teil der EU, bei dem sie daher wohl kaum einknicken wird. Gleichzeitig ist für die harten Brexiteers die Unabhängigkeit von der EU-Gerichtsbarkeit der wesentliche Grund für den Austritt aus der EU.
Damit bleiben die zwei Knackpunkte der Brexit-Verhandlungen weiterhin ungelöst. Von einem Durchbruch kann nicht die Rede sein. Und daher war die Pfund-Aufwertung gestern als Reaktion auf die Schlagzeilen auch meiner Ansicht nach vollkommen ungerechtfertigt. Klar, in den Medien war die Rede von einem „konstruktiven Ton“ bei den Verhandlungen. Das kann man sicherlich positiv auslegen, nachdem die bisherigen Verhandlungsrunden doch eher durchwachsen waren und es auch durchaus einige Anfeindungen gab. Aber es reicht nun einmal nicht aus, dass sich die beiden Seiten keine Tiernamen geben. Konkrete Lösungen müssen her. Zwar werden die EU und Großbritannien ihre Verhandlungen über den Sommer fortsetzen und versuchen, die offenen Fragen zu klären. Doch die Zeit drängt. Die Risiken für die Pfund-Wechselkurse mögen zwar etwas gesunken sein, doch bei null sind sie sicherlich nicht.
Erhalten von der Commerzbank am 20.03.2018 um 09:32 Uhr.
Veröffentlicht durch Börse Stuttgart am 20.03.2018 um 10:42 Uhr.
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