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Analyse zum Devisenmarkt · 17.05.2018 11:55 Uhr

Geist der vergangenen Schuldenkrise

Grafik zum Devisenpaar Euro/Dollar
Quelle: elen_studio / Shutterstock.com
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Gerüchte über einen möglichen Schuldenerlass für Italien sorgten gestern für Aufregung am Devisenmarkt und ließen EUR-USD vorübergehend unter 1,18 rutschen. Das Störfeuer aus Italien belastet den Euro aus mehreren Gründen...

- Gastbeitrag von Esther Reichelt (Analyst FX & EM Research Commerzbank) -
EUR: Die italienischen Koalitionsverhandlungen gehen heute wohl in die finale Phase – sorgen aber schon im Vorfeld für Ärger. Gerüchte über einen im Koalitionsvertrag geforderten Schuldenerlass sorgten gestern für Aufregung am Devisenmarkt und ließen EUR-USD vorübergehend unter 1,18 rutschen. Das Störfeuer aus Italien belastet den Euro aus gleich zwei Gründen: Auf der einen Seite bringt es die auch fast sechs Jahre nach der Euroraum-Schuldenkrise noch immer ungelöste Schuldenproblematik genau zu dem Zeitpunkt in die Schlagzeilen, an dem die EZB beginnt ein Ende der unkonventionellen Geldpolitik vorzubereiten, die ja (auch) eingeführt wurde, um eben diese Probleme zu übertünchen. Das macht einen Ausstieg aus der ultra-expansiven Geldpolitik noch kritischer und lässt die EZB wohl noch vorsichtiger werden, was bis auf weiteres gegen einen stärkeren Euro spricht. Zumal auf der anderen Seite angesichts derartiger Forderungen eine effektive engere Integration des Euroraums, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf dem EU-Gipfel am 28./29. Juni angehen wollen, (noch) weniger erfolgsversprechend erscheint. Nachdem diese Bestrebungen unserer Meinung nach aber (über eine geringere EUR-Risikoprämie) ein dominierender Treiber der EUR-Aufwertung seit April 2017 sind, wird damit der gegenwärtigen EUR-Stärke die Grundlage entzogen.
GBP: Die heute Morgen zu beobachtende GBP-Stärke als Reaktion auf Berichte, dass Großbritannien erwägt, länger in der Zollunion zu verbleiben, belegt einmal mehr, dass das Pfund umso mehr profitiert, je näher sich ein diskutiertes Brexit-Szenario am Status Quo befindet. Solange ein derartiges Abkommen jedoch nicht in trockenen Tüchern ist, bleibt eine Restwahrscheinlichkeit für einen harten Brexit. Und solange das der Fall ist, warnen wir weiter vor GBP-Abwärtsrisiken, zumal die EU den neuen Vorschlägen wohl skeptisch begegnet, und die Opposition innerhalb der britischen Regierung selbst stark bleibt.
SEK: Anders als beim EZB-Rat, in dem bei einer Zinsentscheidung ein Konsens gesucht wird, wird im Rat der Riksbank abgestimmt, wobei die Stimme des Notenbankchefs im Zweifelsfall ausschlaggebend ist. Das bedeutet aber auch, dass Äußerungen der einzelnen Mitglieder der Riksbank nicht das generelle Meinungsbild innerhalb des Rats widerspiegeln, sondern persönliche Kommentare sind. So sollten die Aussagen von Cecilia Skingsley in den letzten Tagen auch vorsichtig gewertet werden. Sie hatte am Dienstag angedeutet, dass schon im Oktober ein erster Zinsschritt erfolgen könnte, was den Markt überraschte und die SEK nach oben schießen ließ. Schließlich hatte die Riksbank gerade erst auf ihrer letzten Zinssitzung Ende April den Zinspfad und damit eine erste Zinserhöhung zeitlich nach hinten verschoben. Für Skingsley aber ist die Wirtschaft am Expandieren, liegt die Inflation nahe 2% und sind die Inflationserwartungen wieder mehr oder weniger verankert, so dass die Zeit reif ist und der Unterschied zwischen Oktober und Dezember als Zeitpunkt für einen ersten Zinsschritt unerheblich. Aber so gut die Wirtschaft auch läuft, der Inflationsentwicklung traut die Mehrheit der Notenbanker immer noch nicht, nachdem der unterliegende Trend zwischenzeitlich wieder nach unten gezeigt hat. Außerdem bleibt noch Zeit bis zum vierten Quartal. Bis dahin geben die Inflationszahlen der nächsten Monate genauere Hinweise über die Preisentwicklung. Zudem schaut die Riksbank trotz der SEK-Schwäche, die sie als vorübergehend betrachtet, weiterhin auf die Vorgehensweise der EZB. Sie möchte keine zu starke Aufwertung der Krone riskieren, sollte sie dem Markt signalisieren, dass sie schneller als die EZB die Geldpolitik normalisiert. Wir bleiben deshalb dabei, dass die Riksbank erst zum Jahresende den ersten Zinsschritt vornehmen und darum die Krone erst noch auf den aktuell schwachen Niveaus verharren wird.
Erhalten von der Commerzbank am 17.05.2018 um 11:46 Uhr.
Veröffentlicht durch Börse Stuttgart am 17.05.2018 um 11:55 Uhr.
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