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Gastbeitrag Commerzbank · 14.06.2018 10:41 Uhr

Kommunikativer Drahtseilakt

US-Flagge und Banknoten
Quelle: STILLFX/Shutterstock
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Anleger haben gestern mal wieder ganz genau hingehört, als Fed-Chef Powell seinen gelpolitischen Kurs verteidigte. Ein paar gänzlich neue Erkenntnisse gab es mitzunehmen, meint zumindest Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank.

-zum Autor: Ulrich Leuchtmann ist Leiter Devisenanalyse bei der Commerzbank-
 
Mir brachte die gestrige Fed-Kommunikation neue Erkenntnisse. Aber nicht die, die alle Welt heute Morgen als wichtigstes Ergebnis darstellt: dass das FOMC beabsichtigt, noch zweimal heuer den US-Leitzins anzuheben. Das hatten unsere Fed-Beobachter schon lange prognostiziert. Und die „Dots“ (die Leitzins-Projektionen der FOMC-Mitglieder) haben sich kaum geändert: Neben der üblichen Konvergenz der extremen Dots hat nur ein einziges Mainstream-FOMC-Mitglied seine Projektionen für Ende-2018 und Ende-2019 um einen mageren Schritt angehoben. Das war nicht nennenswert. Andere Aspekte waren wichtig: (1) Das FOMC hat die “forward guidance” aus dem Statement gestrichen. Sie war ein Überbleibsel der Krisen- und Nach-Krisenzeiten, als der US-Leitzins an der Untergrenze klebte und die US-Notenbanker andere Kanäle brauchten, um taubenhafte Signale zu setzen. Spätestens für 2020 erwarten die FOMC-Mitglieder einen Leitzins über dem Niveau, das sie langfristig für normal halten. Da macht es keinen Sinn mehr, dem Markt einzureden, der Leitzins würde “für einige Zeit unter dem Niveau liegen, das für die lange Frist erwartet wird”. Ein weiterer Schritt der geldpolitischen Normalisierung, der mir in Erinnerung bringt, dass die EZB der Fed um Ägiden hinterherhinkt. Für sie erwartet unser EZB-Beobachter nämlich das genaue Gegenteil: eine Stärkung ihrer „forward guidance“ (siehe oben). (2) Ja, Fed Chair Jay Powell sprach von der Möglichkeit, dass die (PCE-) Inflation über das Fed-Ziel von 2% steigt. Aber der Devisenmarkt hat darauf meines Erachtens unangemessen reagiert. Der Greenback gab seine in den Minuten zuvor angesammelten Gewinne wieder ab. Dabei ist das Überschießen, auf das Powell vorbereitet, kein USD-negatives Argument. Lassen Sie es mich mit einem Beispiel aus der Raketentechnik erklären. Um eine Rakete zu steuern, sind zwei Systeme nötigt: „Guidance“ und „Control“. Das Control-System sorgt dafür, dass die Rakete dahin fliegt, wohin sie soll, während das Guidance-System sich überlegt, wohin sie fliegen soll. Um im Bild zu bleiben: Powell bereitet den Markt darauf vor, dass das Control-System nicht so genau funktioniert, dass ein Überschießen vermieden werden kann. Aber er machte auch klar, dass die „Guidance“ weiterhin fest bei 2% steht. So erteilte er u.a. Überlegungen, das Fed-Ziel zu adjustieren, eine klare Absage. Das ist ganz was anderes, als das absichtliche Überschießen, welches die Bank of Japan einst verkündete – und daher auch kein Grund, den Dollar schwächer zu handeln. Diesen diffizilen Unterschied hat der Devisenmarkt in seiner spontanen Reaktion meines Erachtens nicht richtig verstanden. Wir bleiben dabei: Der Dollar sollte nochmal aufwerten; und Niveaus von 1,16 in EUR-USD sind nochmal drin.

Bank of Japan: Inflationsziel liegt in weiter Ferne

Die Bank of Japan (BoJ) hat mittlerweile schon kapituliert und gibt keinen Zeitraum mehr an, in dem sie ihr Inflationsziel von 2% erreichen möchte. Das liegt eh nach wie vor in weiter Ferne. Interessant wird die morgige BoJ-Sitzung aus einem anderen Grund. Seit Monaten schon kauft die BoJ weniger Anleihen im Markt, als das angepeilte Ziel von 80 Bio. Yen vorgeben würde. Zum einen ist offenbar ihr Renditeziel glaubwürdig, zum anderen werden aber auf dem Anleihemarkt die Anleihen knapp. Außerdem sind schon länger Stimmen aus der BoJ zu hören, die einen Exit thematisieren möchten. Das könnte dazu führen, dass die BoJ auf einer der kommenden Sitzungen auf ihr Volumenziel verzichtet und nur noch das Renditeziel anstrebt, was de facto sowieso sinnvoller ist. Der Markt könnte ein Streichen des Volumenziels aber als Anfang vom Exit interpretieren und den Yen aufwerten lassen. Ich würde dies eher als eine Optimierung ihrer Politik bezeichnen, denn die Verfolgung nur eines Ziels, der 10-jährigen Rendite, ist sowieso viel sinnvoller und glaubwürdiger. Das hieße aber nicht, dass die BoJ so schnell aus der expansiven Geldpolitik aussteigt. Ergo: Yen-Gewinne nach einer Streichung des Volumenziels wären nicht gerechtfertigt.

Riksbank dürfte zittern

Die Riksbank dürfte heute mit Blick auf die Inflationsdaten für Mai zittern. Denn es ist wichtig, dass der unterliegende Trend nicht erneut nach unten dreht. Dies war zu Jahresanfang der Fall gewesen und hatte die Riksbank dazu veranlasst, auf ihrer Sitzung im April den Zinspfad wieder nach hinten zu schieben. Sie muss sicher sein, dass die Schwäche in der Inflation nur vorübergehend war. Schließlich ist, so die Riksbank, eine zu niedrige Inflation beim aktuellen Zinsniveau schwerer zu managen als eine zu hohe Inflation. Außerdem habe es eines sehr langen Zeitraums und einer sehr expansiven Geldpolitik bedurft, um die Inflation und die Inflationserwartungen überhaupt wieder nach oben zu treiben. Zwar sieht der aktuelle Rand gut aus, aber der Inflationstrend sollte nicht wieder drehen. Enttäuschen die Inflationszahlen heute, wird die Krone einige ihrer jüngsten Gewinne wieder abgeben, denn damit rückt eine erste Zinserhöhung seitens der Riksbank wieder in etwas weitere Ferne.

Australien: Argumente in Richtung Normalisierung der Geldpolitik nehmen zu

Auch in Australien nehmen die Argumente in Richtung Normalisierung der Geldpolitik zu. Denn die Arbeitslosenquote ist im Mai erneut auf nunmehr 5,4% gefallen. In Down Under wird der Arbeitsmarkt damit langsam enger. Allerdings sind die guten Niveaus vor der Finanzkrise (4%) noch nicht erreicht. Die Reserve Bank of Australia (RBA) ist deshalb nicht in Eile, den Leitzins anzuheben, dürfte dies u.E. aber dennoch entgegen den Markterwartungen schon zum Jahresende tun. Deshalb dürfte der AUD im Jahresverlauf auch aufwerten.
 
Erhalten von der Commerzbank am 14.06.2018 um 09:49 Uhr.
Veröffentlicht durch Börse Stuttgart am 14.06.2018 um 10:41 Uhr.
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