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Russland im Fußballfieber · 28.06.2018 08:07 Uhr

Bringt die WM den erhofften Wirtschaftsaufschwung?

Fußball-WM 2018
Quelle: Romolo Tavani / Shutterstock.com
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Russland ist als Austragungsort der Fußball-WM derzeit in aller Munde. Neue Stadien, neue Flughäfen – das Land hat sich das sportliche Großereignis einiges kosten lassen. Doch kann es aus wirtschaftlicher Sicht von der WM auch profitieren?

-von Vanessa Helpert, Börse Stuttgart News Redaktion-
Seit dem 14. Juni rollt in Russland der Ball. Doch rollt durch die Fußball-WM auch der Rubel? Von Seiten Russlands auf jeden Fall: Die Führung um Präsident Putin hat sich die WM umgerechnet über 12 Milliarden Euro kosten lassen. Investiert wurde in zwölf Stadien, Straßen, Flughäfen, Hotels, und Orientierungshilfen auf Englisch in den elf WM-Städten. Es ist damit die teuerste WM, die es je gab. Und das, obwohl der russische Staat in den kommenden Jahren mit knappen Kassen rechnet. Kurz vor der WM hob die Regierung deshalb die Mehrwertsteuer und das Rentenalter an. Maßnahmen, die für Zusatzeinnahmen des Staates sorgen.

BIP dürfte durch WM leicht steigen

Gewiss ist, dass die Fußball-Touristen dem russischen Bruttoinlandsprodukt gut tun werden. Für das rechnen die Organisatoren mit zusätzlichen 121 Milliarden Rubel (1,64 Mrd. Euro). Objektiv betrachtet, handelt es sich dabei –  bezogen auf die Gesamtgröße des BIP – jedoch nur um ein Plus von 0,2 Prozentpunkten. Jüngste Konjunkturdaten aus Russland signalisieren eine grundsätzliche Erholung der Wirtschaft: So stiegen einerseits die Einzelhandelsumsätze im Mai binnen Jahresfrist um 2,4 Prozent, wie das nationale Statistikamt Rosstat vergangene Woche mitteilte. Andererseits sank die Arbeitslosenquote auf 4,7 Prozent – ein Niveau, das zuletzt Anfang der 1990er Jahre ermittelt wurde. Laut aktuellen Schätzungen der Zentralbank dürfte das russische BIP im Gesamtjahr 2018 um 1,5 bis 2,0 Prozent wachsen.

Kein nachhaltiger Einfluss möglich

MÄRKTE & MACHER 8:48min, 14. Juni 2018, 13:20 Uhr
Doch Ökonomen sind skeptisch, dass die Fußball-WM die russische Wirtschaft nachhaltig beeinflussen könnte. Dazu ist eine Weltmeisterschaft schlichtweg zu kurz. Finanzbuchautor Michael Bloss: „Isoliert betrachtet, ist es für einen bestimmten Zeitraum sicher so, dass mehr gegessen wird, mehr getrunken wird und der Geldbeutel lockerer sitzt bei dem ein oder anderen Fan – vor allem, wenn die eigene Mannschaft gewonnen hat. Es ist ein Peak-Ereignis. Doch die Enttäuschungen später, wenn alle wieder gehen, sind groß.“
Auch das Analysehaus Moody's sieht nur einen „sehr begrenzten Einfluss“ für die Konjunktur des Schwellenlandes. Es sei zwar mit einem Schub für das Tourismusgeschäft für den Zeitraum der WM zu rechnen. Einen bedeutenden Beitrag für ein breitangelegtes Wirtschaftswachstum dürfte die WM aber nicht leisten.

Starke Abhängigkeit von Öl und Gas

Auch deshalb, weil Russlands Wirtschaft immer noch stark von Rohstoffpreisen abhängig ist. Schließlich war es der Preisverfall bei Öl und Gas, der die Wirtschaft 2014 in der Krise stürzte. Durch den Anstieg des Ölpreises in den letzten Monaten konnte sie sich wieder leicht erholen, denn sie unterstützen die russischen Staatseinnahmen sowie Unternehmensumsätze und -gewinne. Auch an der Börse ging es deshalb Anfang des Jahres wieder aufwärts, der Aktienmarkt wurde attraktiver. Hintergrund ist, dass der russische Index RTSI durch seine Zusammensetzung stark vom Ölpreis abhängig ist. Er besteht aus den 50 größten Unternehmen Russlands. Allerdings ist ein großer Anteil der Indexgewichtung durch nur wenige Unternehmen besetzt. Darunter die Öl- und Gasproduzenten Rosneft Oil, Lukoil, Gazprom und Novatek. Doch selbst durch die ansteigenden Rohstoffpreise erwartet die Zentralbank keine wachstumstreibenden Effekte. Wie sollte dann das Ereignis Fußball-WM große Impulse liefern?

Handelsstreit belastet auch Russland

Darüber hinaus wird auch Russland von dem Handelsstreit zwischen den USA und China belastet. Denn auch auf Stahl und Aluminium aus Russland will die USA höhere Einfuhrzölle erheben. Russland ist schließlich der sechstgrößte Stahlimporteur der USA. Vor wenigen Tagen kündigte deshalb neben der EU auch Russland Vergeltungszölle gegen die USA an. Die Wirtschaft soll durch die Maßnahme jedoch keinen Schaden davontragen: Von den Zöllen sollen ausschließlich US-Waren betroffen sein, für die es einheimischen Ersatz gebe, hieß es von Seiten Russlands.
Alles in allem wird die Fußball-WM wohl keine langfristigen, positiven Effekte auf die Wirtschaft haben. Kurzfristig sind aber durchaus positive Effekte zu erwarten. Besonders in bestimmten Branchen, wie dem Baugewerbe – das den größten Schub erhalten dürfte –, der Hotel- und Restaurantbranche, der Transportsektor oder die Telekommunikationsbranche. Und für das Land hat sie noch andere schöne Nebeneffekte: Fußball scheint den Russen eine neue Freiheit und Ausgelassenheit zu entlocken. Das Land zeigt seine Gastfreundschaft und scheint als WM-Gastgeber sein eigenes Sommermärchen zu erleben – so wie Deutschland 2006.
 
Verfasst am 27.06.2018 um 07:50 Uhr
Veröffentlicht am 27.06.2018 um 08:07 Uhr
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