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Frankreich und Italien im Reformstau · 24. März 2017

Eurokrise: Die Uhr tickt…

EU-Flaggen auf Karte
Quelle: Shutterstock
In Sachen Eurokrise ist es mittlerweile erstaunlich ruhig geworden. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, als sei das Schlimmste tatsächlich ausgestanden. Doch zwei Sorgenkinder tun sich schwer, so eine Studie der Allianz.

- von Thomas Zuleck, Börse Stuttgart News Redaktion -
So sehr man die Politik der EZB auch kritisieren mag, einen entscheidenden Punkt kann man den europäischen Währungshütern nicht absprechen: Durch ihre Intervention an den Finanzmärkten hat die EZB den Staaten der Eurozone Zeit erkauft. Zeit, Strukturmaßnahmen durchzuführen und die Verschuldungsquote zu reduzieren. Allerdings nutzt diese Zeit nur etwas, wenn diese auch genutzt wird. Und gerade in diesem Bereich sieht es für zwei Staaten der Eurozone nicht allzu gut aus. Zu diesem Schluss kommt der sogenannte „Euro-Monitor“ der Allianz. Im Rahmen dieses Monitors untersuchen Analysten der Allianz anhand von 20 Komponenten, wie gut die Staaten der Euro-Zone tatsächlich dastehen.
Während Deutschland erneut den ersten Platz belegt, ein Krisenland wie Spanien deutliche Fortschritte erzielen konnte und selbst Griechenland ein halbwegs solides Zeugnis ausgestellt wird, rutschten Frankreich und Italien auf den letzten Platz ab. Warum ist das so?

Zeit nicht genutzt

Zur Beantwortung dieser Frage gelangt man schnell wieder zu oben skizzierten Faktor Zeit. Offenbar wurde von den beiden Staaten die von der EZB erkaufte Zeit bislang nicht genutzt. Die Allianz schreibt hierzu: „Diese schlechte Platzierung liegt daran, dass Frankreich und Italien die Rückschritte beim Abbau der wirtschaftlichen Ungleichgewichte wieder haben größer werden lassen, insbesondere in der Kategorie Wettbewerbsfähigkeit, während Griechenland und Portugal zumindest in die richtige Richtung gehen.“ Zwar kommen mittlerweile aus Frankreich wieder vergleichsweise ordentliche Wirtschaftsdaten, das Bruttoinlandsprodukt konnte beispielsweise im vierten Quartal 2016 um 0,4 Prozent zulegen. Doch andererseits hat Frankreich im vergangenen Jahr seine Defizitziele erneut verpasst. Ähnlich sieht es in Italien aus: Auch hier konnte die Wirtschaft im letzten Quartal 2016 um 0,2 Prozent wachsen und für das laufende Jahr rechnet die EU-Kommission mit einem Wachstum von 0,9 Prozent. Doch die Verschuldungsquote liegt in Italien noch immer im Bereich des Vorkrisenniveaus.

Frankreich kämpft um Anschluss

Als größte Schwäche bewerten die Analysten der Allianz Frankreichs Exportschwäche. Und tatsächlich: Während Berlin einen weiteren Anstieg der Außenhandelsbilanz vermelden konnte, verbuchte Frankreich im Januar ein Handelsbilanzdefizit von 7,9 Milliarden Euro – ein neuer Negativrekord. Man könnte sich nun auf einen einmaligen Ausrutscher berufen, doch so leicht ist es leider nicht. Seit mittlerweile gut 14 Jahren ist es Frankreich nicht mehr gelungen einen Handelsbilanzüberschuss zu erzielen. Doch die Exportschwäche ist bei weitem nicht das einzige Problem für Frankreichs Wirtschaft: Laut Statista lag die Arbeitslosenquote im vergangenen Jahr bei 9,84 Prozent und wird, laut Statista-Prognosen, in den kommenden Monaten nur geringfügig auf 9,59 Prozent zurückgehen. Die Staatsverschuldung belief sich laut Statista im vergangenen Jahr auf rund 2,2 Billionen Euro, das entspricht einer Verschuldungs-Quote von gut 96 Prozent. Die Lohnstückkosten sind in den vergangenen drei Jahren zwar nur moderat angestiegen, was auch die Analysten der Allianz als durchaus positiv bewerten. Doch an der Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs hat dies offenbar kaum etwas geändert. Und nun auch noch Wahlkampf. Vor der Wahl wird kaum noch jemand Reformen angehen wollen. In wie weit dies unmittelbar nach der Wahl passieren wird, scheint zudem mehr als fraglich. Frankreich verliert erneut kostbare Zeit.
Erstaunlicherweise hat der französische Leitindex diese Probleme zuletzt erstaunlich gut weggesteckt: Auf Jahressicht kommt der CAC 40 immerhin auf ein Plus von gut 14 Prozent. Allerdings liegt er selbst mit dem jüngsten Plus immer noch gut 20 Prozent unterhalb des Vorkrisenniveaus, während beispielsweise der DAX oder auch die US-Indizes schon wieder neue Rekordstände markieren konnten.

Italien kommt nicht vom Fleck

Das Positive vorweg: Im vergangenen Jahr ist Italiens Wirtschaft immerhin um ein Prozent gewachsen. Allerdings liegt das aktuelle Brutto-Inlandsprodukt noch immer weiter unter dem Zehnjahres-Durchschnitt und 23 (!) Prozent unter dem Wert von 2008. Das Wachstum von vergangenem Jahr ist vor diesem Hintergrund nicht mehr als ein Tropfen auf einem heißen Stein. Vor allem in Sachen Arbeitsmarkt und Produktivität hinkt Italien dem Rest der Eurozone weiter hinterher: „Die Erwerbstätigenquote – mit 57% die zweitniedrigste im Euroraum – ist 2016 zwar zum dritten Mal in Folge gestiegen, doch das relativ kräftige Beschäftigungswachstum (1,2% in 2016) ist vor allem steuerlichen Einstellungsanreizen zu verdanken“, so die Allianz. Fast schon müßig zu erwähnen ist die Staatsverschuldung Italiens: Diese liegt nahezu unverändert bei 133 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Fazit

Die Uhr tickt für einige Staaten der Eurozone. Denn Mario Draghi wird nicht ewig an seiner expansiven Geldpolitik festhalten können – zu gravierend sind mittlerweile die Nebenwirkungen dieser Politik für Staaten wie beispielsweise Deutschland. Egal wer schlussendlich in Frankreich die Wahl für sich entscheiden wird, egal ob Italien in den kommenden Monaten eine neue Regierung bekommen oder seine Übergangsregierung behalten wird, es liegt eine ganze Menge (Reform-) Arbeit vor beiden Staaten, wenn man nicht endgültig den Anschluss verlieren will. Spätestens dann, wären die Probleme innerhalb der Eurozone kaum mehr zu kaschieren.