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Aktie von Rocket Internet · 27.07.2018 10:10 Uhr

Raketenstart im zweiten Anlauf?

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Quelle: 360b / Shutterstock
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Die Aktie von Rocket Internet unterschritt im März 2016 die 16-Euro-Marke. Seitdem geht es wieder aufwärts. Denn die Beteiligungsgesellschaft schwimmt auf einer Erfolgswelle...

-Gastbeitrag von Michael C. Kissig -
An Oliver Samwer scheiden sich die Geister. Auf der einen Seite ist er einer der erfolgreichsten Unternehmer Deutschlands, auf der anderen Seite sitzen viele Aktionäre seiner Beteiligungsgesellschaft Rocket Internet noch immer auf deutlichen Verlusten. Jedenfalls diejenigen, die zum Börsengang am 2. Oktober 2014 Aktien für 42,50 Euro gezeichnet oder im späteren Verlauf in der Spitze bis zu 57 Euro für sie bezahlt haben.
Im März 2016 unterschritt der Kurs dann sogar die 16 Euro-Marke und hatte fast Zweidrittel gegenüber seinem Ausgabepreis verloren. Seitdem hat sich das Blatt erneut gewendet und der Kurs hat kürzlich wieder die Marke von 30 Euro überschritten. Wer zu Tiefstkursen eingestiegen ist, hat seinen Einstand annähernd verdoppelt und dürfte sehr zufrieden sein mit der Entwicklung. Doch es greift zu kurz, sich nur auf den Kurs der Aktie zu fokussieren. Verglichen mit der dahinterstehenden Geschichte ist das sogar relativ langweilig.

Made in Germany

„Made in Germany“ steht für Qualität und ist als Qualitätssiegel ein enormer Wettbewerbsvorteil deutscher Unternehmen überall auf der Welt. Erfunden wurde dieses Markenzeichen allerdings nicht von den Deutschen, sondern von den Briten. Und zwar als Abwehrmaßnahme gegen deutsche Billigimporte. Denn England war führend während der industriellen Revolution und weder Deutschland noch die USA oder Frankreich konnten auch nur annähernd Schritt halten. Die Deutschen kopierten kurzerhand einfach die englischen Produkte und brachten sie im Anschluss billiger auf den Weltmarkt. Vor allem auch nach Großbritannien. Anfangs war die Qualität ziemlich mies und der Ramsch wurde von den Engländern eher belächelt. Doch ziemlich schnell stieg die Qualität an und die deutschen Produkte wurden erst lästig und dann zu einer echten Gefahr für die einheimischen Hersteller. Also zeigten sich die Briten erneut erfinderisch und machten es deutschen Firmen zur Auflage, ihre Produkte als „Made in Germany“ zu kennzeichnen, wenn sie diese in Großbritannien verkaufen wollten. Damit sollten die britischen Verbraucher vor den billigen und qualitativ schlechteren Produkten aus Deutschland gewarnt und abgeschreckt werden. Deutsche Produkte wurden also gebrandmarkt.
Nun, schon damals war das Schwert des Protektionismus stumpf. Im Gegenteil: Im Laufe der Zeit wurden die deutschen Produkte immer besser und für die Verbraucher wurde „Made in Germany“ zu einem begehrten Siegel. Das war natürlich nicht im Sinne der britischen Regierung und ihrer Wirtschaft und so wurde die Verordnung mit der Kennzeichnungspflicht wieder aufgehoben. Doch längt war der Geist aus der Flasche und die deutschen Unternehmen hatten erkannt, wie verkaufsfördernd diese Kennzeichnung war – und brachten sie kurzerhand auf alle ihre Produkte auf, auch auf die, die nicht ins Commenwealth verkauft wurden.
Doch was hat das mit Oliver Samwer zu tun? Nun, ganz einfach: Auch Oliver Samwer begann seine unternehmerische Karriere als Plagiator. Mit seinen Brüdern kopierte er in den USA erfolgreiche Internetkonzepte und baute fast identische Websites in Deutschland auf. Um sie anschließend für viel Geld an die amerikanischen Originale zu verkaufen, wenn diese bei ihrer internationalen Expansion auch in Deutschland Fuß fassen wollten und dort anstelle eines mühsamen eigenen Markenaufbaus lieber ein funktionierendes Business mit einer treuen Kundenbasis übernehmen wollten.

Der Weg zu Rocket Internet

1999 gründeten die Samwer-Brüder mit weiteren Partnern Alando, einen Ebay-Klon. Und nach nur 100 Tagen verkauften sie Alando – an Ebay. Für 50 Millionen Euro. Aus Alando wurde Ebay Deutschland und Oliver Samwer dessen Chef.
Im August 2000 gründeten die Samwer-Brüder mit weiteren Partnern, wie Debitel, Media Markt und Saturn, die Jamba GmbH, die vor allem über die Musikkanäle MTV und VIVA massenhaft Klingeltöne verkaufte. 2004 übernahm der US-Konzern VeriSign für 273 Millionen Euro die Jamba GmbH.
Seit 2006 agieren die Samwers als Risikokapitalgeber für Startups und zwar über ihren European Founders Fund, wo es Frühphaseninvestments in Facebook oder MyHammer gab, die aber nach wenigen Jahren bereits wieder verkauft wurden.
2007 erfolgte dann die Gründung der Rocket Internet und anfangs konzentrierte sich das Unternehmen auf Neugründungen von Internetfirmen. Neben der Bereitstellung von Risikokapital unterstützt man junge Firmen ebenso mit Know-how und verschiedenen Dienstleistungen aus den Bereichen IT, Marketing oder Vertrieb. In diese Zeit fallen Gründungen bzw. frühe Investments in Unternehmen, die heute selbst an der Börse notiert sind, wie Zalando, Delivery Hero, HelloFresh oder Home24. Und gerade Zalando war der größte Meilenstein für Rocket Internet, obwohl man nur einen überschaubaren Anteil hielt. „Schrei vor Glück“ war die massive Marketingkampagne von Zalando und brachte enorme Wachstumsraten. Und im Oktober 2014 wurde Zalando an die Börse gebracht und trieb auch den Hype um Rocket Internet an – und auch der kurz zuvor erfolgte Börsengang des chinesischen Internetgiganten Alibaba. So konnten alle Aktien von Rocket Internet platziert werden und waren sogar mehrfach überzeichnet. Doch zum Handelsstart ging es erst einmal prozentual zweistellig bergab. Aus Euphorie wurde Ernüchterung, denn Rocket Internet hatte vor allem eines zu bieten: enorme Verluste aus dem operativen Geschäft seiner Töchter.
Das Geschäftsmodell war nämlich relativ einfach: Über enorme Werbeausgaben produzierte man starkes Kunden- und Umsatzwachstum, allerdings benötigte dieses Wachstum auch immer mehr Personal. Und diese Personal- und Werbekosten verursachten astronomische Verluste, bisweilen in dreistelliger Millionenhöhe. Das schienen viele Anleger erst nach dem Börsengang zu registrieren und wandten sich entsetzt von der Aktie ab. Und es wurde schnell ein Sündenbock gefunden und der hieß und heißt Oliver Samwer. Immer wieder wird ihm vorgeworfen, er habe die Aktien von Rocket Internet zu teuer an die Börse gebracht und er würde sich nicht um den Kursverlauf scheren. Aber damit macht man es sich zu einfach, denn im Grunde genommen macht Oliver Samwer fast alles richtig.
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Der Text ist ein Auszug aus dem aktuellen Anlegermagazin. Jetzt im Anlegerclub registrieren, um den gesamten Artikel zu lesen.
Verfasst am 27.07.2018 um 10:00 Uhr.
Veröffentlicht am 27.07.2018 um 10:10 Uhr.
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