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Blick auf den Devisenmarkt · 03.08.2018 10:10 Uhr

Handels- und sanktionspolitischer Amoklauf

USA vs Türkei
Quelle: Halil Ergenc / Shutterstock.com
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Die USA macht sich mit ihren Sanktionen und Androhungen gegenüber der Türkei, China und Russland derzeit keine Freunde in der Welt. Gerade zwischen den USA und der Türkei droht eine Spirale von Sanktionen und Gegen-Sanktionen...

-Gastbeitrag von Ulrich Leuchtmann (Leiter Devisenanalyse, CM Research)-
USD: Sanktionen gegen den NATO-Verbündeten Türkei, Androhung „schmerzlicher“ Zölle gegen China durch Trumps handelspolitischen Großinquisitor Wilbur Ross und die Androhung „vernichtender“ Sanktionen gegen Russland durch den US-Kongress: Man kann nicht gerade behaupten, dass sich die USA momentan viele Freunde in der Welt zu machen versuchen. Im Gegenteil, sie isolieren sich. Jetzt schon politisch und – wenn sie mit all der Sanktioniererei und Handelskriegerei so weitermachen – vielleicht in Zukunft auch ökonomisch. Schon droht die Türkei mit Gegen-Sanktionen. Der US-Präsident ist nicht gerade dafür bekannt, als erster von De-Eskalation zu Eskalation überzugehen. Zumindest nicht, wenn keine US-Landwirte und -Stahlarbeiter betroffen sind. Daher steht zu befürchten, dass sich zwischen USA und Türkei eine Spirale von Sanktionen und Gegen-Sanktionen entwickelt. Das ist einerseits ein erhebliches Risiko für die türkische Wirtschaft (siehe unten). Käme es dazu, wäre das allerdings auch ein weiterer Fall von US-Sanktionspolitik, die nicht im Interesse der Europäer ist und nicht mit ihnen koordiniert ist. Auch Deutschland hatte seinen Streit mit der Türkei über dort inhaftierte Landsleute. Aber gerade der Fall zeigt, dass man mit zivilisierter Diplomatie solche Konflikte lösen kann und nicht den Sanktions-Vorschlaghammer braucht. Daher würden weitergehende US-Sanktionen hier kaum auf Verständnis stoßen. Die Amerikaner sind in diesem Konflikt der Buhmann. Auch wenn die Türkei keine ideale Besetzung für die Opfer-Rolle abgibt.
Hinzu kommen möglicherweise weitere US-Sanktionen gegen Russland. Auch in Europa mag niemand, dass staatlich gelenkte russische Trolle unsere Wahlen beeinflussen. Aber Europa setzt sich mit Russland in anderem Stil auseinander. Das mag man mögen oder als Genscherismus ablehnen. Völlig egal. Der Punkt ist: Die US-Sanktionspolitik steht immer mehr im Widerspruch zu Europas Interessen. Damit erkennt Europas Politik immer deutlicher ihre sanktionspolitische Machtlosigkeit. Die USA setzen ihre Sanktionspolitik weltweit um, weil sekundäre Sanktionsdrohungen und die Hoheit über die weltweiten Dollar-Transaktionen jedes Unternehmen weltweit kuschen lassen. Je mehr Europas Politik damit unzufrieden wird, desto höher ist die Gefahr, dass der Leitwährungs-Status des Dollars ernsthaft von Europas Politik angegriffen wird. Für mich heißt das: Auch wenn kurzfristig der handels- und sanktionspolitische Amoklauf der USA den Dollar unterstützen (weil er in solchen Phasen als sicherer Hafen dient), vergrößert er mittel- bis langfristig die Risiken für die US-Währung.

BoE: Leitzins angehoben

GBP: Die Bank of England hat ihren Leitzins gestern angehoben. Das war von jedermann erwartet worden und daher kein GBP-positives Signal. Dass der Markt allerdings mit GBP-Schwäche reagierte, finde ich beachtlich. Zumal die Begleitumstände durchaus GBP-positive Aspekte enthielten: Die Entscheidung des MPC fiel einstimmig aus; BoE-Governeur Mark Carney hat – zumindest für den Fall eines relativ weichen Brexit – weitere Zinsschritte in Aussicht gestellt; und die BoE klingt weiterhin bezüglich der Inflationsrisiken hinreichend besorgt. Warum also dann die Belastung des Pfundes? Ich könne jubilieren und die Marktreaktion als Beweis für das ansehen, was ich am Montag geschrieben habe: dass sich der Markt nun eher auf die Brexit-Risiken als auf die BoE-Geldpolitik konzentriert. Doch auch von dieser Seite gab es konstruktive Nachrichten. So wird eine Denkschrift Michel Barniers interpretiert, die denjenigen den Wind aus den Segeln nimmt, die den EU-Chefunterhändler als harten Hund empfinden. Dann ist es momentan wohl schlicht eines, was Großbritanniens Währung unter Druck setzt: die globale Risk-off-Stimmung. Dass die das Pfund heutzutage mehr belastet als früher, darf nicht verwundern. Wer angesichts der Brexit-Risiken Pfund-Long-Positionen hält, muss schon eine gewisse Hasardeur-Ader mitbringen. Wird die durch allgemeines Risk-off verhagelt, mag der eine oder andere GBP geben wollen.
Erhalten von der Commerzbank am 03.08.2018 um 09:53 Uhr. Veröffentlicht durch Börse Stuttgart am 03.08.2018 um 10:10 Uhr.
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