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Devisenmarkt · 13.08.2018 11:30 Uhr

Türkische Lira: Der Absturz geht weiter

Türkische Lira und US-Dollar
Quelle: muratologia / Shutterstock.com
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Die Türkei-Krise ist gerade das dominierende Thema an den Finanzmärkten. Heute Morgen kletterte die türkische Lira erstmals über die Marke von 7 Dollar bzw. 8 Euro. Was am Freitag noch dramatisch aussah, erscheint heute dennoch harmlos...

-Gastbeitrag von Ulrich Leuchtmann (Leiter Devisenanalyse, CM Research)-
EUR: Laut Pressemeldungen sorgt sich die EZB darum, einzelne Banken im Euroraum könnten zu viel Türkei-Exposure auf ihren Büchern halten. Im gegenwärtigen Zustand der EZB-Geldpolitik heißt das wohl, dass Europas Währungshüter erst einmal – solange die Türkei-Krise tobt – jeglichen Gedanken an eine Normalisierung der Geldpolitik beiseitelegen. Allerdings war schon lange die Hoffnung auf eine Normalisierung der EZB-Geldpolitik zu einer sehr langfristigen Wette mutiert. Und wir dürfen nicht vergessen: Selbst wenn Zeiten der Euroraum-Krise litt Europas Währung nur moderat. Für nachhaltige EUR-Schwäche sehe ich daher keine Gründe.
USD: Überhaupt, wir messen momentan vor allem idiosynkratische USD-Stärke statt EUR-Schwäche (selbst, wenn man nur das G10-Universum betrachtet und USD-Stärke nicht über allgemeine Schwäche der EM-Währungen definiert). Besteht dazu ein guter Grund? Klar, der übliche Reflex des Devisenmarktes in Krisenzeiten ist die Flucht in den Dollar. Andererseits kann man die Ankündigung sanktionierender Sonder-Strafzölle auf Stahl- und Aluminiumimporte aus der Türkei (ein Brandbeschleuniger der TRY-Krise) als neue Form der US-Sanktionspolitik interpretieren. Zugegeben, auch andere Interpretationen des Trump-Tweets sind möglich. Sollte aber der US-Präsident tatsächlich die TRY-Krise bewusst beschleunigen, um seinen außenpolitischen Zielen näher zu kommen, ist das eine neue Qualität der US-Zoll- und -Sanktionspolitik.

Türkische Lira: Erstmals über der Marke von 7 Dollar

TRY: Das Tolle an einem exponentiellen Prozess ist: Was am Freitag noch dramatisch aussah (die 14%-Bewegung in USD-TRY) erscheint retrospektiv als harmlos. Heute Morgen eröffnete USD-TRY in Asien erst einmal über der Marke von 7,00. Dabei gibt’s eigentlich gute Gründe, dass heute Morgen der Lira-Absturz erst einmal pausiert. Für kurzfristige Entspannung könnten zunächst zwei Faktoren sorgen:
(1) Laut Presseberichten hat die türkische Bankenaufsicht BDDK das Volumen an Devisen-Swap-Geschäften, das türkische Banken tätigen dürfen, gestern auf 50% des Eigenkapital der jeweiligen Bank beschränkt.
(2) Finanzminister Berat Albayrak hat für heute ein Statement angekündigt. Er scheint laut Presseberichten einen „Aktionsplan“ zur Krisenbekämpfung vorstellen zu wollen.
Letzteres ist ermutigend. Am Freitag hatte eine lauthals angekündigte Rede des Erdogan-Schwiegersohnes kaum mehr enthalten als heiße Luft. Das darf sich heute nicht wiederholen. Albayrak leidet eh unter dem Vorurteil vieler Marktteilnehmer, er sei nur durch präsidiale Vetternwirtschaft ins Amt gekommen. Doch wenn der Finanzminister eines Landes, das sich mitten in einer schlimmen Währungs-, Zahlungsbilanz- und Wirtschaftskrise befindet, redet und nichts neues sagt, ist das eben kein Non-Event, sondern ein Eigeständnis, dass die Verantwortlichen nicht wissen, wie sie die Krise beenden sollen. Und deshalb beschleunigt sich die Krise erst recht. Wollen wir hoffen, dass Albayrak ein schneller Lerner ist.
Sein Schwiegervater ist es jedenfalls nicht. Er hat noch nicht verstanden, dass seine abstrusen geldpolitischen Vorstellungen und seine offensichtliche Einmischung in die Angelegenheiten der Notenbank Ursache dieser Krise sind. Damit die Lira sich nachhaltig stabilisieren kann, müsste Präsident Erdogan radikal umdenken. Doch danach sieht es leider nicht aus.
• Seine Beschwichtigungsversuche („Der Dollar kann uns nicht aufhalten, macht euch keine Sorgen“), seine nationalistischen Apelle („Wer jetzt noch unter seinem Kissen Euro, Dollar oder Gold hat, der sollte es […] in Lira wechseln. Das ist eine nationale Pflicht“) sowie sein Gerede von „künstlicher Finanzmarkt-Instabilität“ zeigten bereits, dass dieser Präsident (noch) nicht zum Umdenken bereit ist.
• Und für die, die immer noch daran zweifelten, legte er am Wochenende nach: Höhere Zinsen würden lediglich „Reiche reicher und Arme ärmer“ machen und daher gälte es, das Zinsniveau zu „minimieren“. Er hätte nichts sagen können, das die Krise schneller beschleunigt.
Die BDDK-Ankündigung deutet bereits an, wohin die Reise gehen könnte, wenn sich die Regierung doch endlich zu Krisenbekämpfung durchringen sollte: Kapitalverkehrskontrollen. Noch ist nicht klar, ob dieser Weg eingeschlagen wird. Albayraks Ankündigung heute könnte darüber Auskunft geben. Die BDDK-Maßnahme ist jedenfalls der Anfang einer Devisenbewirtschaftung, die typischerweise die erste Form der Kapitalverkehrskontrollen ist, die Krisenländer ergreifen. Viele Kunden und Kollegen regten sich in den letzten Wochen auf, wenn wir im Zusammenhang mit der Türkei das Wort „Kapitalverkehrskontrollen“ in den Mund genommen haben. Ja, die sind aus ordnungspolitischer Sicht ein Sündenfall und haben – weil sie Anleger langfristig verschrecken können – u.U. auf lange Sicht deutlich Nebenwirkungen. Doch sehen heute viele Makroökonomen in solchen extremen Fällen dieses Mittel als das geringste Übel an. Eine Währungskrise, auf die der Staat nicht angemessen reagiert, verschreckt schließlich auch die Anleger. Und freilich müssten Kapitalverkehrskontrollen nicht so harsch ausfallen, dass ausländische Anleger ihre Türkei-Investitionen gleich abschreiben müssten. Sie müssten nur temporär die Kapitalflucht auf nahe Null bremsen. Solch ein Szenario wäre aus heutiger Sicht – so befürchte ich – noch das Beste. Es wäre wenigstens erfolgversprechend. Denn längst ist nicht mehr sicher, ob Zinserhöhungen jetzt noch helfen würden. Und von Währungsreform will ich noch nicht allzu laut reden.
Aber eines muss ich ansprechen: Eine weitere Erosion der Lira würde erhebliche fiskalische Risiken implizieren. Da ein Staat aber den größten Teil seiner Einnahmen in heimischer Währung erhält, muss er – was kaum praktikabel ist – entweder seine Steuersätze so schnell anpassen, wie die Hyperinflation galoppiert. Oder er geht pleite. Weil das so ist, schießen Türkei-Ausfallversicherungen (CDS) derzeit durch die Decke. Und weil die ganze Ökonomie durch dauerhafte Leistungsbilanzdefizite deutlich im Ausland verschuldet ist, grassiert dort die Angst, dass ein guter Teil dieser Forderungen ausfallen könnte.
Erhalten von der Commerzbank am 13.08.2018 um 11:24Uhr.
Veröffentlicht durch Börse Stuttgart am 13.08.2018 um 11:30 Uhr.
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