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Kartellrechtliche Schwierigkeiten · 22.08.2018 10:15 Uhr

Linde und Praxair: Fusion in Gefahr

Logo der Linde Group vor einem Bürogebäude
Quelle: Linde Group/Presse
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Die Fusion von Linde und Praxair schien gestern noch in greifbarer Nähe: Die EU hat dem Zusammenschluss unter Auflagen zugestimmt. Doch jetzt kommen neue Zweifel auf. Am Ende könnte der Deal an den Forderungen der Kartellbehörden scheitern.

- von Vanessa Helpert, Börse Stuttgart News Redaktion-
Erst gestern sah es noch so aus, als wäre Linde der Fusion mit Praxair einen großen Schritt näher gekommen. Die Wettbewerbshüter der EU-Kommission billigten den anvisierten Zusammenschluss zu einem neuen Branchenriesen. Sie stellten jedoch auch Forderungen. Zum Beispiel, dass Praxair sein gesamtes Gasgeschäft im Europäischen Wirtschaftsraum verkaufen und seine Beteiligung an dem italienischen Gemeinschaftsunternehmen Siad abgeben muss. Außerdem sollen Helium-Bezugsverträge veräußert werden. Gemeinsam würden die beiden Unternehmen den weltweit größten Hersteller für Industriegase wie Sauerstoff und Helium bilden.  Genau deshalb stellt die EU diese Forderungen, denn die Fusion hätte in der angemeldeten Form zu einer signifikanten Verringerung der Zahl der geeigneten alternativen Anbieter und damit potenziell zu Preiserhöhungen geführt.

Auflagen oberhalb der Schmerzgrenze

Nun haben sich allerdings neue Hürden ergeben: Die Fusion gerät wegen der Auflagen von Kartellwächtern zunehmend in Gefahr. Am Mittwochmorgen teilte Linde mit, dass „auf Basis weiterer Rückmeldungen von Wettbewerbsbehörden“ davon auszugehen ist, „dass die umsatzbezogene Obergrenze für Veräußerungszusagen überschritten wird“. In der Fusionsvereinbarung der beiden Unternehmen war festgelegt, dass bei den kartellrechtlich notwendigen Verkäufen von Unternehmensteilen die Grenze von 3,7 Milliarden beim Umsatz oder 1,1 Milliarden Euro beim Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) nicht überschritten werden darf. Beide Konzerne müssten also entsprechenden Zusagen zustimmen, um den Deal noch zu retten. Doch genau dafür haben sie nicht mehr viel Zeit: Der Zusammenschluss muss bis spätestens 24. Oktober erfolgt sein, da Aktionäre nach deutschem Recht innerhalb von zwölf Monaten Klarheit über das Gelingen einer Fusion haben müssen. Linde und Praxair wollen deshalb ihre konstruktiven Gespräche miteinander fortsetzen und mit den Wettbewerbsbehörden diskutieren, wie deren Anforderungen erfüllt werden können.

Hohe Forderungen aus den USA

Linde und Praxair hatten in den letzten Monaten bereits Geschäfte verkauft, um den Wettbewerbshütern entgegenzukommen. Während Praxair einen Großteil seines Europa-Geschäfts an den japanischen Konkurrenten Taiyo Nippon Sanso veräußerte, verkaufte Linde den Löwenanteil seiner US-Geschäfte an die deutsche Gesellschaft Messer und den Finanzinvestor CVC. Doch das Vorhaben könnte jetzt inbesondere an der US-Wettbewerbsbehörde FTC (Federal Trade Commission) scheitern, die eben diese höheren Hürden für den geplanten Zusammenschluss stellt. Sie fordern den Verkauf weiterer Unternehmensteile, auch die Abgabe von Konzernteilen an Konkurrenten in anderen Regionen. Schon Anfang August gab es Hinweise auf ein mögliches Scheitern der Fusionspläne, denn die beiden Unternehmen wussten zu dem Zeitpunkt bereits, dass die Auflagen der FTC höher ausfallen könnten als bis dahin angenommen. Angesichts der immer näher rückenden Frist für die Abwicklung der Fusion warf Linde in seiner Pflichtmitteilungen bereits die Frage auf, inwieweit sich die geforderten zusätzlichen Firmenverkäufe überhaupt schnell genug umsetzen ließen. Außer der FTC müssen auch Behörden in Europa, China, Indien und Südkorea dem Deal noch zustimmen. Experten befürchten, dass höhere Hürden in den USA zu einer Kettenreaktion schärferer Auflagen in weiteren Ländern führen könnten.

Skepsis der Anleger steigt

Die ersten Hinweise auf ein Scheitern der Fusion vor wenigen Wochen hatten die Anleger bereits kalt erwischt: Investoren warfen Linde-Aktien reihenweise aus ihren Depots – die Titel stürzten am zeitweise um mehr als 10 Prozent ab und gehörten zu den größten Verlierern im DAX. Am 10. August lag der Kurs bei 188,00 Euro. Nach dem Urteil der EU-Kommission kletterte der Kurs der zum Umtausch eingereichten Linde-Aktien gestern zunächst wieder nach oben. In der Spitze lag er bei 195,25 Euro. Nach den neuesten Meldungen sackte er heute erneut ab – und zwar um rund acht Prozent. Bei den nicht zur Fusion eingereichten Papieren fiel das Minus mit rund drei Prozent deutlich geringer aus. Der Abstand zwischen den beiden Aktiengattungen ist damit auf rund zehn Prozent zusammengeschmolzen. Am Markt scheinen die Zweifel für eine erfolgreiche Fusion gestiegen zu sein. Im vergangenen Oktober konnten Aktionäre ihre Aktien zum Umtausch freigeben.
Verfasst am 22.08.2018 um 10:00 Uhr. Veröffentlicht am 22.08.2018 um 10:15 Uhr.
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