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Fragwürdige Eurostärke · 30.08.2018 10:05 Uhr

Allein mir fehlt der Glaube

Euro
Quelle: Photo Veterok / Shutterstock.com
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Die Eurostärke seit Monatsmitte ist schwer nachzuvollziehen, schließlich gibt es in der Eurozone immer wieder Zoff. Genau diesen scheinen die USA und Kanada gerade aus dem Weg zu räumen. Gibt es schon morgen eine Einigung im Handelsstreit?

- Gastbeitrag von Antje Praefcke (Analyst FX & EM Research Commerzbank) -
EUR: Ganz ehrlich: so wirklich im tiefsten Herzen kann ich die Eurostärke seit der Monatsmitte nicht nachvollziehen. Zugegeben, irgendwann im späten Jahresverlauf 2019 wird die EZB mit der Normalisierung der Geldpolitik beginnen. Aber das ist immerhin noch ein gutes Jahr hin. Andere Zentralbanken sind da deutlich schneller. Und innerhalb der Eurozone gibt es auch immer wieder Zoff. Seine hochtrabenden Pläne kann Emanuel Macron doch nicht so einfach durchsetzen, wie erhofft. Italien hat gedroht, über die Flüchtlingsfrage seine Zahlungen an den EU-Haushalt einzustellen. Das Land könnte außerdem sein Defizitziel brechen, was Gerüchte zur Folge hatte, die Regierung könnte die EZB um Hilfe bitten. Ich habe daher Schwierigkeiten, mir einen deutlich festeren Euro zum Jahresende vorzustellen.

Brexit: Einigung in letzter Sekunde?

GBP: Das Risiko eines „no deal“-Brexit, also das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU ohne eine vertragliche Nachfolgeregelung, wird vom Markt weiterhin unterschätzt. Schließlich hat die britische Regierung die letzten zwei Jahre in erster Linie damit verbracht, sich selbst Steine in den Weg zu legen und sich mit sich selbst zu beschäftigen anstatt mit dem Problem, wie denn die Beziehung zur EU nach dem 29. März 2019 aussehen soll. Ist der Markt naiv? Ich denke nicht, denn in der Eurozonenkrise haben wir oft genug erlebt, wie in Nacht- und Nebelaktionen plötzlich Einigungen erzielt wurden, um den Fortbestand der Eurozone zu sichern. Vielleicht stirbt also die Hoffnung wieder einfach zuletzt? Für eine Einigung in letzter Sekunde ist schließlich immer noch genügend Zeit. Eine solche würde, wenn sie denn käme, vermutlich von der EU angestoßen werden. Der Markt sah zumindest einen Hinweis darauf gestern, als der Chef-Unterhändler der EU Michel Barnier in einer Pressekonferenz andeutete, die EU sei bereit, Großbritannien eine Partnerschaft anzubieten, wie sie bislang mit keinem anderen Land eingegangen worden sei. Obwohl Barnier dies nicht zum ersten Mal äußerte, konnte das Pfund zulegen. Denn knickt die EU ein, könnte das bedeuten, dass uns nervenaufreibende Handelstage und -nächte wie zu Zeiten der Eurozonenkrise erspart würden. Beide Verhandlungspartner zeigen sich – wohl aufgrund des Zeitdrucks – derzeit konstruktiv und hoffen, innerhalb der nächsten sieben Wochen das zu schaffen, was sie in den letzten zwei Jahren nicht auf die Beine stellen konnten: bis Mitte November anstatt bis zum EU-Gipfel am 18. Oktober soll angeblich nun eine Einigung erzielt werden. Die Botschaft hör‘ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Barnier plötzlich von seiner Haltung abweicht, die „roten Linien“ der EU erheblich aufweicht und Rosinenpickerei zulässt. Aber ich lasse mich natürlich gerne überraschen; morgen gehen die Gespräche weiter. EUR-GBP ist in den letzten Wochen deutlich gestiegen, das liegt jedoch in erster Linie an Eurostärke und nicht am Pfund (Abb. 1). Damit hat das Pfund meines Erachtens einiges an Abwärtspotential, sollte sich das Schreckgespenst „no deal“-Brexit mangels konkreter Verhandlungsergebnisse letztlich doch als durchaus reales Szenario herauskristallisieren.

Kanada zeigt sich kompromissbereit

CAD: Die Milch macht’s! Angeblich scheint Kanadas Außenministern Chrystia Freeland Zugeständnisse machen zu wollen, insbesondere was den Handel mit Milch anbelangt (Kanada verbietet bislang den USA die Ausfuhr von ultrafiltrierter Milch nach Kanada), sofern die USA sich in anderen Bereichen kompromissbereit zeigen, wie bei der Frage der Schiedsgerichte. Bis morgen kann laut Premierminister Justin Trudeau eine Einigung gefunden sein, sollte es sich um einen „richtigen Deal“ handeln. Die Frage ist, ob Trudeau in einigen Fragen hart bleibt und sich damit möglicherweise dem Vorwurf aussetzen möchte, am Ende der Totengräber der NAFTA gewesen zu sein. Oder ob er nach der erfolgreichen Einigung zwischen den USA und Mexiko konzilianter ist und von seiner Linie „kein Deal um jeden Preis“ abrückt. Morgen Abend wissen wir mehr. Die Veröffentlichung des BIP im zweiten Quartal heute Nachmittag wird dabei untergehen, schließlich geht es bei dem neuen Handelsabkommen um viel, viel mehr. Kommt es zu einer Einigung bis morgen Abend, kann der CAD vor dem Wochenende noch eine Erleichterungs-Rallye in Richtung 1,28 USD-CAD hinlegen. Im anderen Fall geht’s wohl wieder hoch auf 1,30.
Erhalten von der Commerzbank am 30.08.2018 um 09:45 Uhr.
Veröffentlicht durch Börse Stuttgart am 30.082018 um 10:05 Uhr.
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