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Brexit ist offiziell · 29. März 2017

Großbritannien beantragt EU-Austritt

Straßenschild mit Brexit-Aufschrift
Quelle: Shutterstock
Der Brexit ist offiziell. Erstmalig hat mit Großbritannien ein EU-Mitgliedsland den Austrittsantrag aus dem Staatenbund eingereicht. Brüssel und London stehen nun harte Verhandlungen bevor.

- von Sina Raich, Börse Stuttgart News Redaktion -
Neun Monate nach dem Brexit-Votum ist der offizielle Antrag auf einen Austritt aus der europäischen Union in Brüssel eingegangen. Das entsprechende Schreiben wurde dem EU-Ratspräsidenten Donald Tusk durch EU- Botschafter Tim Barrow übergeben. Premierministerin Theresa May hat das Trennungsgesuch bereits Dienstagabend unterschrieben. Sie sprach am Mittwoch im Parlament in London von einem „historischen Moment, von dem es kein Zurück geben kann“. Nach über 40 Jahre langer Mitgliedschaft beginnen damit gemäß Artikel 50 des Lissabon-Vertrags die zweijährigen Austrittsverhandlungen mit der Europäischen Union. In diesen müssen die Verflechtungen mit der Europäischen Union gelöst werden. Ende März 2019 gehört diese Mitgliedschaft dann voraussichtlich endgültig der Vergangenheit an – mit womöglich gravierenden wirtschaftlichen Implikationen.

Aktienmärkte reagieren gelassen

Die Aktienmärkte zeigten sich mit Blick auf den Brexit – zumindest heute – noch eher gelassen: Der britische FTSE notiert aktuell nahezu unverändert gegenüber dem Vortag, wohingegen der DAX oder auch der EuroStoxx 50 sogar zulegen können. Das heutige Austrittsgesuch hatte wenig Überraschungspotenzial. Größter Verlierer an den Finanzmärkten war heute jedoch das britische Pfund. Die britische Leitwährung leidet ganz besonders unter den zunehmenden Unsicherheiten angesichts der nun anstehenden Austrittsverhandlungen. Die Pfund-Schwäche könnte sich dabei in den kommenden Monaten zu einem echten und vor allem nachhaltigen Problem für die britische Wirtschaft entwickeln, da Großbritannien seit Jahren ein großes Leistungsbilanzdefizit aufweist. Das Königreich importiert demnach deutlich mehr als es exportiert. Eine Schwäche der britischen Leitwährung würde diesen Effekt weiter verstärken. Importe, egal ob für Verbraucher oder Unternehmen, würden real deutlich teurer und somit die Außenhandelssituation weiter verschärfen. Doch das britische Pfund ist nicht das einzige Problem.

Vertrauen in britische Wirtschaft geschwächt

Die EU ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner der Briten. Über 40 Prozent der britischen Exporte an Waren und Dienstleistungen gehen in Staaten der Union. Daher ist Großbritannien auf Kapitalimporte angewiesen, welche durch den Austritt erschwert werden könnten. Auch der Handel mit der EU und seinen Mitgliedsstaaten dürfte belastet und das Vertrauen in die britische Wirtschaft geschwächt werden. Ein Umstand unter dem man vor allem im Londoner Financial District ächzen dürfte: Wie das Bundesamt für politische Bildung skizziert, werden „mehr als ein Drittel des gesamten Großkundengeschäfts im Finanzsektor der EU […] in Großbritannien abgewickelt und damit mehr als in Deutschland, Frankreich und Italien zusammen. Auf dem europäischen Binnenmarkt werden eben nicht nur Güter, sondern auch Finanzdienstleistungen "made in Britain" im großen Stil gehandelt“. Wie es mit dem Finanzstandort London weiter gehen wird, scheint bis dato ebenfalls ungewiss.

Theresa May: Großbritannien bleibt verlässlicher Partner

Theresa May versuchte zwar heute noch einmal zu betonen, dass Großbritannien lediglich die EU aber nicht Europa verlasse und weiterhin enger und verlässlicher Partner Europas sein werde. Zu welchen Konditionen dies jedoch geschieht, wird in den kommenden Monaten erst noch ausgehandelt werden. Und glaubt man den Berichten aus Brüssel, so signalisieren die EU-Verhandlungsführer bislang nicht allzu viel Kompromissbereitschaft.

Harte Verhandlungen stehen bevor

Auf die EU kommt in den kommenden Monaten ein kompliziertes Vabanque-Spiel zu. Einerseits will man Härte demonstrieren, um etwaige Nachahmer abzuschrecken, andererseits kann man es sich mit den Briten nicht komplett verscherzen. Großbritannien ist, nach Deutschland und Frankreich, die drittgrößte Volkswirtschaft in der EU und die sechstgrößte der Erde. Durch den Brexit wird das wirtschaftliche Gewicht der Gemeinschaft abgeschwächt – und damit auch Deutschlands Stimme. Im Handel mit Großbritannien erwirtschaftet Deutschland außerdem einen großen Überschuss, vor allem im Automobilbereich. Für Daimler, BMW und Co. zählen die Briten bis dato zu den besten Kunden – und insbesondere für BMW ist Großbritannien ein wichtiger Produktionsstandort.
Wie sich die wirtschaftliche Lage und Zusammenarbeit in Großbritannien und den EU Mitgliedstaaten weiter entwickeln wird, hängt nun vor allem von den bevorstehenden Austrittsverhandlungen ab. Die EU-Führung ist sich jedoch einig: In zwei Jahren müsse der Ausstieg besiegelt sein – mit oder ohne Deal.