Boersenhaendler

Ein Tag im Leben von Peter Smolny

An der Börse gleicht kein Moment dem anderen. Entsprechend vielfältig ist die Arbeit eines Börsenhändlers.

Das Protokoll eines Tages.

7.38 Uhr: Peter Smolny öffnet die Tür zum Handelssaal der Börse Stuttgart. Der 43-Jährige arbeitet seit mehr als 17 Jahren dort. Zunächst als Praktikant, dann als Börsenhändler und inzwischen als Leiter der Abteilung für den Handel mit Fonds und Exchange Traded Products, zu denen auch ETFs zählen. Trotz all seiner Erfahrung: Was ihn heute erwartet, weiß Peter noch nicht.

Seine Tätigkeit ist so abwechslungsreich wie das Geschehen an den Finanzmärkten. Und deshalb auch genauso unberechenbar. Der Start in den Handelstag verläuft allerdings stets ähnlich. Peter kommt an seinen Arbeitsplatz, an dem sechs Bildschirme und ein Telefon stehen. Eine Kollegin und zwei Kollegen decken heute mit ihm die Tagschicht ab. Er schüttelt allen die Hand – sein Team ist ihm wichtig. Denn Peter weiß: Wenn gleich der Handel beginnt, kann es stressig werden. Und Stress bewältigt man am besten gemeinsam. Noch aber herrscht Ruhe. Die Händler nutzen die Zeit, um Informationen zu sichten: Was in der Nacht und am frühen Morgen in Asien geschieht, bestimmt häufig auch die ersten Handelsstunden in Stuttgart.

8.00 Uhr: Die Börsenglocke läutet und Peter trinkt den letzten Schluck seines Kaffees. Jetzt hellwach zu sein, ist wichtig: Sofort nach Handelsstart laufen die ersten Orders ein, oft Hunderte allein in der ersten Stunde. Viele davon überprüfen Peter und seine Kollegen persönlich: Ist der Kurs, zu dem eine Order ausgeführt werden soll, plausibel? Hat der Anleger alle Daten richtig eingegeben? Oder liegt irgendwo ein kleiner, aber womöglich entscheidender Fehler vor? „Am häufigsten sind merkwürdige Angaben zu Orderlimits“, erläutert Peter. „Wenn jemand zum Beispiel einen ETF kaufen will, der gerade um 100 Euro gehandelt wird, dafür aber ein Kauflimit von 330 Euro setzt, dann hat er sich womöglich einfach im Produkt vertan. So etwas kommt fast täglich vor.“

Das allerdings ist so gut wie nie ein Problem für Privatanleger, die in Stuttgart handeln: Die Handelssoftware der Börse Stuttgart identifiziert aufgrund verschiedener Kriterien automatisch auffällige Orders. Die Händler schauen sich die entsprechenden Aufträge anschließend ganz genau an und geben im Zweifel ihren Kollegen von der Handelsorganisation im Büro nebenan Bescheid. Die wiederum können die Bank anrufen, von der die Order kommt. Der betroffene Anleger bekommt dann die Chance, die Order noch einmal korrekt aufzugeben. „Das gehört zu unserer Arbeit“, sagt Peter. „Wir bezeichnen uns hier in Stuttgart als Quality-Liquidity-Provider. Und die Plausibilitätsprüfung ist ein wichtiger Aspekt der Qualität, die wir Privatanlegern bieten.“

10.23 Uhr: Nun ist Peter vor allem als „Liquidity-Provider“, also Liquiditätsspender gefragt: Bei einem ETF auf den vietnamesischen Aktienindex passen Angebot und Nachfrage nicht recht zusammen. Zwar möchte ein Anleger 1.500 Anteile verkaufen, ein anderer will aber gleich 2.000 erwerben – und das auch noch zu einem Preis, der unterhalb dessen liegt, was große Banken als Market Maker gerade anbieten. Müssen nun beide Anleger auf unbestimmte Zeit darauf warten, dass ihre Aufträge ausgeführt werden? Nein – Peter Smolny macht den Handel möglich. Er führt die Orders zu einem Preis innerhalb der gerade angebotenen Geld-Brief-Spanne aus. Der festgestellte Preis liegt also oberhalb des Geldkurses, aber unterhalb des Briefkurses. Dadurch erhalten sowohl der Käufer als auch der Verkäufer einen um 10 Cent je Anteil besseren Preis, was für beide einen Vorteil in dreistelliger Höhe bedeutet. Zusätzlich verkauft Peter auch 500 ETF-Anteile auf eigenes Risiko, um dem Käufer eine vollständige Orderausführung zu ermöglichen. Jeder Klick und Tastendruck sitzt – der ganze Vorgang ist binnen weniger Sekunden abgeschlossen.

Anschließend stehen die 500 verkauften ETF-Anteile als Short-Position in seiner Handelsübersicht. Die wird Peter allerdings bald wieder glattstellen, also auflösen. „Ich bin die Position nicht eingegangen, um damit einen Gewinn zu erzielen. Schließlich betreiben wir hier grundsätzlich keinen Eigenhandel“, sagt er. „Um Anlegern eine bestmögliche Ausführung ihrer Aufträge zu bieten, können wir aber begrenzte Risiken eingehen.“

12.50 Uhr: Gut 1.000 Orders haben Peter und sein Team inzwischen bewältigt. Damit ist es ein eher ruhiger Tag: Zeit für ein Mittagessen in der Kantine nebenan. Peter meldet sich vom System ab, ein Kollege hält die Stellung, denn die Märkte machen keine Mittagspause. Und in weniger ruhigen Phasen kommt auch Peter nicht zum Durchatmen – etwa im Juni 2016, als das überraschende Ergebnis des Referendums über einen EU-Austritt Großbritanniens für Verwerfungen an den Finanzmärkten sorgte. „Das war ein anstrengender und spannender Tag, aber wir waren gut vorbereitet. Die technischen Systeme der Börse Stuttgart liefen stabil.“

14.30 Uhr: Längst ist Peter zurück im Handelssaal, denn auch der Nachmittag verspricht ein reges Börsengeschehen. Das liegt vor allem daran, dass nun auch die Märkte in den USA Fahrt aufnehmen. Zunächst steht dort heute die Veröffentlichung der wöchentlichen Arbeitsmarktzahlen an. Die geben zuverlässig auch dem deutschen Aktienmarkt Impulse. Kein Wunder also, dass die Stuttgarter Händler über ihre Informationsterminals in Echtzeit verfolgen, wie die Zahlen ausfallen. „Parallel schaue ich aber auch schon auf die Entwicklung des DAX“, sagt Peter. „Denn der Index braucht nach der Veröffentlichung nur Sekunden, um die US-Daten einzupreisen.“

15.30 Uhr: Auch der Rest des Nachmittags steht im Zeichen Amerikas. Pünktlich zum Handelsstart an der Wall Street wenden sich viele deutsche Privatanleger ETFs zu, die große US-Aktienindizes wie den S&P 500 abbilden. „Das ist durchaus sinnvoll“, erläutert Peter. „Wenn die Heimatmärkte geöffnet sind, ist auch in Europa die Liquidität bei entsprechenden ETFs am höchsten. Das gilt für die USA am Nachmittag und Abend, aber auch für die asiatischen Märkte am frühen Morgen.“ Wenn Peter nun Orders auf US-ETFs ausführt, hat er bei der Preisfeststellung immer auch den Referenzmarkt in New York im Blick.

18.00 Uhr: Vier Stunden dauert es noch, bis die Börsenglocke ein weiteres Mal erklingt, um das Ende des Handelstages zu verkünden. Für Peter Smolny wird jetzt der Feierabend eingeläutet. Ein Kollege übernimmt die Spätschicht, die Tagschicht geht nach Hause – nicht, ohne vorher eine gründliche Übergabe zu machen: Welche außergewöhnlichen Ereignisse haben sich tagsüber abgespielt? Welche offenen Positionen gibt es? Welche Papiere stehen besonders im Blickpunkt? Diese und andere Fragen besprechen die Händler gemeinsam, bevor sie sich per Handschlag verabschieden. Der Handel geht weiter – bis um 22 Uhr der Handelstag in Stuttgart endet.

Autor: Holger Handstein