Innovationstreiber

Die Börse als Innovationstreiber

Namensbeitrag von Dr. Michael Völter, Vorsitzender des Vorstands, Vereinigung Baden-Württembergische Wertpapierbörse e.V.

„Innovation ist unsere Tradition“: Das ist nicht der Wahlspruch eines Fintech-Newcomers. So lautete vielmehr das Motto, unter dem die Börse Stuttgart 2011 ihr 150-jähriges Bestehen feierte. Es hat seine Berechtigung: Börsen sind seit jeher Treiber von Innovationen. Zum einen werden an den Finanzmärkten – zumindest indirekt – Innovationen und deren zukünftige wirtschaftliche Auswirkungen gehandelt. Zum anderen müssen sich die Handelsplätze selbst ständig weiterentwickeln, um im Wettbewerb um Kundenaufträge zu bestehen. Der Wertpapierhandel entwickelt sich sehr dynamisch, seit Ende der 1990er die Automatisierung einsetzte. Damals führte die Börse Stuttgart eine elektronische Handelsplattform ein und digitalisierte so ihre Prozesse. Die durchschnittliche Dauer einer Orderausführung sank um 90 Prozent, Kauf- und Verkaufsaufträge konnten erstmals innerhalb von Minuten abgearbeitet werden. Seitdem ging die technische Weiterentwicklung ungebremst weiter: Heute werden rund zwei Drittel der Orders in verbrieften Derivaten an der Börse Stuttgart innerhalb von drei Sekunden ausgeführt, bei Exchange Traded Products sind es sogar über 80 Prozent. Möglich wird dies durch leistungsfähige Handelssysteme auf dem neuesten Stand der Technologie. Damit gehört die Börse Stuttgart zu den schnellsten Börsen Deutschlands – ein Serviceversprechen unseres Hauses.

Eine volle Pipeline an technischen Innovationen zu gewährleisten gehört auch in Zukunft zu den zentralen Herausforderungen der Börse Stuttgart. Es gilt, die Dienstleistungen im Handel zum Wohl von privaten Anlegern kontinuierlich zu verbessern. Dabei hat die Börse Stuttgart insbesondere die Interessen der Selbstentscheider im Blick – also derjenigen Anleger, die den Börsenplatz aktiv in der Ordermaske auswählen.
Selbstbestimmte Anleger können heute an der Börse Stuttgart mehr als 1,6 Millionen verschiedene Wertpapiere kaufen und verkaufen – von Aktien und Anleihen über ETFs bis hin zu Hebelprodukten und Zertifikaten. Ganz gleich, ob Anleger an bestimmten Ländern, Weltregionen, Branchen oder Technologien interessiert sind: Ihnen stehen heute alle erdenklichen Märkte und Investments offen. Nahezu jede Anlagestrategie lässt sich mit entsprechendem Wertpapieren und Orderfunktionalitäten in Sekunden über das Internet vom eigenen Schreibtisch aus umsetzen. Ohne Digitalisierung wäre ein solches Serviceangebot undenkbar.

Aktuell erleben wir eine neue Welle an digitalen Innovationen in der Finanzbranche: Die Fintechs sind angetreten, den etablierten Akteuren Kunden und Geschäftsfelder streitig zu machen. In Deutschland sind laut einer Studie des Bundesfinanzministeriums derzeit rund 430 Fintechs aktiv. Robo-Advisors bieten Anlageberatung und stellen mit Algorithmen Portfolios zusammen. Crowdfunding verändert die Finanzierung von Unternehmen und Projekten. Und mit der Blockchain-Technologie arbeiten junge Firmen an Ideen zur sicheren und transparenten Abwicklung von Finanzgeschäften.
Allerdings wird es interessant sein, wie die Finanz-Start-ups mit dem Konkurrenzdruck und der starken Regulierung in der Finanzbranche zurechtkommen. Denn den gelegentlich geforderten „Welpenschutz“ oder einen regulatorischen „Sandkasten“ gibt es für die Fintechs in Deutschland nicht. Hier hat sich die Finanzaufsicht BaFin klar positioniert: Wer die Finanzwelt aufmischen möchte, muss sich auf deren Spielregeln einlassen.

Wenn die Börse Stuttgart Fintechs beobachtet, gilt ihr Augenmerk auch möglichen Kooperationen. Um in diesem Umfeld effektiv agieren zu können, wurde im September 2017 eine neue Tochtergesellschaft gegründet: Die Boerse Stuttgart Digital Ventures GmbH baut innovative Geschäftsmodelle für den börslichen und außerbörslichen Handel mit fungiblen Produkten auf und stellt dabei konsequent den Kunden und dessen Bedürfnisse in den Mittelpunkt. Besonderes Augenmerk der neuen Gesellschaft liegt auf dem Bereich Predictive Data Analytics, der von einem eigenständigen Team aus Programmierern und Produktmanagern aufgebaut wird. Zudem wird die Boerse Stuttgart Digital Ventures GmbH auch in vielversprechende Start-ups investieren und gezielt Partnerschaften für die Umsetzung ihrer Digitalisierungsstrategie eingehen. Die Geschäftsaktivitäten sind von Anfang an international ausgerichtet – die digitale Weiterentwicklung der Finanzbranche macht schließlich nicht an Ländergrenzen halt.

Mit Blick auf junge Unternehmen ist für die Börse Stuttgart allerdings nicht nur der Finanzsektor von Interesse, sondern auch die Wirtschaft in all ihren Facetten. Denn Start-ups versprechen in vielen Branchen eine weitere Dynamisierung und bringen ihre neuen Ideen in die unterschiedlichsten Wirtschaftszweige ein. Dabei setzte einer Untersuchung der Kreditanstalt für Wiederaufbau zufolge im Jahr 2016 jeder fünfte Gründer in Baden-Württemberg bei seinem Geschäftsmodell auf digitale Technologien. Junge Unternehmen und die Gründerszene in Baden-Württemberg und darüber hinaus zu fördern ist ein Anliegen der Börse Stuttgart – und seit Jahren eine Kernaufgabe der von ihr getragenen Finanzplatzinitiative Stuttgart Financial. Denn für den weiteren Ausbau des Start-up-Ökosystems gibt es großen Bedarf: In Summe ist die Szene meist wenig transparent und nach Branchen, Regionen und Finanzierungsphasen zersplittert. Die Start-ups selbst beklagen häufig, dass ihren Bedürfnissen nicht ausreichend Rechnung getragen wird.

Wie lässt sich das ändern? In zahlreichen Gesprächen mit Gründern hat Stuttgart Financial festgestellt, wie schwierig die Suche nach Investoren und fachlichen Kooperationspartnern für innovative und ambitionierte Start-ups ist. Deshalb hat Stuttgart Financial im Mai 2017 die Online-Plattform „VentureZphere at Boerse Stuttgart“ ins Leben gerufen. VentureZphere begleitet Start-ups in jeder Lebensphase und macht die Unternehmen sichtbarer – und zwar genau bei der Zielgruppe, die für den Erfolg ihrer Idee unverzichtbar ist. VentureZphere hilft, stabile Netzwerke zu Kapitalgebern und etablierten Unternehmen als möglichen strategischen Partnern zu knüpfen. So löst die Plattform den Informationsdschungel in der Start-up-Szene auf und sorgt für bessere Transparenz. Nicht zuletzt aus diesem Grund wird VentureZphere auch vom baden-württembergischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau unterstützt.

Aktuell präsentieren sich bereits über 200 Start-ups aus ganz Deutschland und neun weiteren europäischen Ländern auf VentureZphere. Die Geschäftsfelder reichen dabei von Mobilität über E-Commerce bis hin zu Biotechnologie und Industrie 4.0. Die jungen Unternehmen geben also vielen Schlüsselbranchen neue Impulse.

Mit VentureZphere kommt die Vereinigung Baden-Württembergische Wertpapierbörse e.V. als Mutter der Börse Stuttgart und Trägerin von Stuttgart Financial auch ihrem satzungsgemäßen Auftrag nach: Es gilt, junge Unternehmen bei der Gewinnung von Kapital zu unterstützen und börsennahe Dienstleistungen bereitzustellen – zum Wohle der Wirtschaft und der Menschen in Baden-Württemberg. Die innovativen Ideen von Start-ups werden künftig entscheidend für das wirtschaftliche Wachstum in Baden-Württemberg sein. Wenn geschäftliche Erfolge bei den jungen Unternehmen mittelfristig auch zu Aktivitäten am Kapitalmarkt führen, ist das natürlich ganz im Sinne der Börse Stuttgart.