Emerging Markets 2026: Potenziale, Risiken und Trends – Ein Ausblick mit Christian Röhl
► Darum geht's im Video: Emerging Markets spielen für viele Anleger eine wichtige Rolle im Portfolio – doch lohnen sich Investitionen in Schwellenländer heute noch? Gemeinsam mit C. W. Röhl (Investor & Buchautor) spricht Richard „Richy“ Dittrich (Boerse Stuttgart Group) über die Chancen und Risiken in den Emerging Markets.
Auf einen Blick: Emerging Markets 2026 – Chancen, Risiken, Trends
Was sind Emerging Markets?
Schwellenländer („Emerging Markets“) stehen für dynamisches Wachstum, junge Bevölkerung und starke Technologie-Impulse.
Trends 2026:
- Technologie- und KI-Unternehmen prägen die Indizes (z. B. TSMC, Samsung, Tencent)
- Hoher Rohstoff- und Konsumbezug, vor allem in Asien und Lateinamerika
- Neue globale Lieferkettenströme sorgen für zusätzliche Dynamik
Chancen:
- Niedrigere Bewertungen, großes Potenzial in Technologie und Industrie
- Zugang über breit gestreute Indizes möglich (z. B. MSCI EM, MSCI ACWI)
Risiken:
- Politische Unsicherheiten, schnelle Markt- und Währungsschwankungen
- Einschränkungen beim Marktzugang in Einzelfällen (ADRs/GDRs, Standalone-Märkte)
Fazit:
Emerging Markets bieten 2026 interessanten Wachstumschancen, erfordern jedoch eine erhöhte Risikobereitschaft und eine breite Streuung im Portfolio. Eine regelmäßige Überprüfung regionaler Gewichtung kann helfen, Chancen und Risiken im Blick zu behalten.
Der Blick auf die Schwellenländer rückt 2026 wieder stärker in den Fokus der Anleger. Während in den vergangenen Jahren die Industrieländer an den Weltbörsen dominierten, wächst nun die Aufmerksamkeit für neue Chancen und Risiken der sogenannten „Emerging Markets“. Im Gespräch mit Richard „Richy“ Dittrich von der Börse Stuttgart gibt Kapitalmarktexperte und Scalable-Capital-Chefökonom Christian W. Röhl Einblick in Diversifikation, politische Herausforderungen und den Wandel bei Branchenschwerpunkten.
Tech-Giganten prägen die Märkte
Wer an die Börsen der Schwellenländer denkt, hat oft klassische Industrie- oder Rohstoffunternehmen vor Augen. Doch das Bild hat sich gewandelt: Tech-Konzerne aus Schwellenländern stehen heute an der Spitze vieler Emerging-Markets-Indizes. Christian W. Röhl betont: „Techlastig bleibt es weiterhin, weil der KI-Boom eben auch von Unternehmen getragen wird, die in Ländern ansässig sind, die zumindest von MSCI als Schwellenland eingestuft sind.“ Tatsächlich entfallen bei manchen Schwellenländer-Indizes über ein Drittel der Gewichtung allein auf Unternehmen aus dem Tech- und Kommunikationsbereich. Unternehmen wie TSMC, Samsung Electronics oder SK Hynix haben durch ihre hohe Marktkapitalisierung einen erheblichen Einfluss auf Schwellenländer-Indizes.
Der Preisanstieg bei Speicherchips wirkte sich zuletzt positiv auf die Umsätze und den Börsenwert dieser Unternehmen aus. Trotzdem bleiben laut Röhl die großen Kapazitätserweiterungen bislang aus. „Die ganz großen Ausrüstungsinvestitionen im Speicherbereich sehen wir nicht“, betont er und verweist darauf, dass der sonst übliche „Schweinezyklus“ der Chipindustrie derzeit ausgebremst ist. Die Unternehmen versuchen stattdessen, das Angebot gezielt knapp zu halten, um das Preisniveau hochzuhalten und Marktschwankungen abzufedern.
Info-Kasten: Was bedeutet „Schweinezyklus“?
Der Schweinezyklus beschreibt einen wiederkehrenden Kreislauf von Überangebot und Unterangebot mit entsprechenden Preisschwankungen. Zunächst führen hohe Preise zu einer Ausweitung der Produktion, was später zu einem Überangebot und fallenden Preisen führt. Sinkende Preise wiederum veranlassen Produzenten, weniger zu produzieren, wodurch das Angebot verknappt wird – die Preise steigen erneut, und der Zyklus beginnt von vorn. Ursprünglich stammt der Begriff aus der Landwirtschaft, findet heute aber auch in Industrien wie der Halbleiterbranche Anwendung, wo Produktionsentscheidungen zeitversetzt wirken und starke Preisausschläge entstehen können.
China: Wachsende Kräfte, anhaltende Unsicherheit
Ein weiteres Schwergewicht in den Emerging Markets bleibt China. Röhl hebt hervor, dass Chinas Industrialisierung und der Ausbau der Technologiefähigkeiten weltweit spürbar sind. Allerdings gibt es strukturelle Risiken. „Das Dauerproblem von China ist: Es gab immenses Wachstum, aber keine ordentlichen Aktionärsrenditen, weil Überkapazitäten am Ende auf den Margen lasten“, sagt Röhl. Das Reich der Mitte steht zudem im Zentrum geopolitischer Spannungen mit den USA.
Für internationale Investoren gestaltet sich der Zugang zu vielen chinesischen Unternehmen oft schwierig, da diese häufig nicht direkt an ausländischen Börsen gelistet sind. Stattdessen werden sogenannte ADRs und GDRs eingesetzt, um den Handel zu ermöglichen. Kommt es zu regulatorischen Eingriffen, können diese Konstruktionen dazu führen, dass bestimmte Märkte oder Branchen für globale Anleger zeitweise oder dauerhaft schwer zugänglich bleiben.
Info-Kasten: Was sind ADRs und GDRs?
ADRs (American Depositary Receipts) und GDRs (Global Depositary Receipts) sind spezielle Zertifikate, die Anlegern den Handel mit ausländischen Unternehmen an heimischen Börsen ermöglichen. Sie werden eingesetzt, wenn die Originalaktien zum Beispiel aus regulatorischen Gründen oder wegen Börsenplatz-Auflagen nicht direkt in Europa oder den USA gehandelt werden dürfen. Statt also etwa eine chinesische Aktie direkt an einer deutschen Börse zu kaufen, erwirbt man ein ADR oder GDR, das diese Aktie repräsentiert. Anleger profitieren so vom Kursverlauf des Unternehmens, besitzen aber nicht die Originalaktie, sondern ein Wertpapier, das deren Anspruch verbrieft. Das kann Auswirkungen auf Stimmrechte und andere Aktionärsrechte haben.
Darüber hinaus lastet laut Röhl auf Branchen wie der Chemieindustrie ein hoher Preisdruck durch erhebliche Überkapazitäten, die in China selbst nicht vollständig absorbiert und somit auf den Weltmarkt gedrängt werden. So entstehe ein „Dauerproblem“, das Margen und Bewertungen belastet. Statistiken stützen Röhl in seiner Einschätzung: Obwohl Chinas Wirtschaft seit den 1990er Jahren weltweit für ihr außergewöhnlich starkes und dauerhaftes Wachstum bekannt ist, zeigt der breite chinesische Aktienmarkt bislang kaum eine vergleichbare Entwicklung – ein bemerkenswertes Paradoxon.
Als Barometer für die langfristige Performance werden häufig der MSCI China Index, der große und mittelgroße chinesische Unternehmen weltweit umfasst, der CSI 300 Index mit den 300 größten Festland-Aktien aus Shanghai und Shenzhen sowie der Shanghai Composite Index herangezogen, der sämtliche an der Börse Shanghai notierten Unternehmen abbildet.
Trotz Chinas starkem Wirtschaftswachstum blieben die Indizes deutlich hinter den Erwartungen zurück. In US-Dollar notiert etwa der MSCI China auf dem Niveau von Mitte 2021.
Lateinamerika und neue Märkte
Auch andere Regionen bieten Potenzial. Lateinamerika wartet mit einer Mischung aus Rohstoffreichtum, jungen Bevölkerungen und attraktiven Bewertungen auf. Röhl nennt als Positivbeispiele den brasilianischen und mexikanischen Aktienmarkt, verweist jedoch auf politische Unsicherheiten und volatile Wirtschaftsentwicklungen.
In Ländern wie Argentinien, das derzeit von den großen Schwellenländer-Indizes ausgeschlossen ist, können internationale Anleger hauptsächlich nur durch den Kauf einzelner Aktien investieren. Hintergrund sind Einschränkungen am Kapitalmarkt, die dazu führten, dass Argentinien keinen Zugang zu den gängigen Emerging-Markets-Indizes hat.
Auch bei Unternehmen wie dem Fintech-Riesen Mercado Libre spielt der rechtliche Sitz und die Notierung an der US-Börse Nasdaq eine entscheidende Rolle: Obwohl das Geschäft überwiegend in Lateinamerika stattfindet, wird Mercado Libre für viele Indizes dem US-Markt zugeordnet – und fehlt damit in den meisten Schwellenländer-Indizes. Anleger sollten auf solche Unterschiede achten, wenn sie Regionen oder Branchen abdecken wollen.
Info-Kasten: Argentinien und Schwellenländer-Indizes
Argentinien war früher Teil der gängigen Schwellenländer-Indizes, wurde jedoch von MSCI 2021 wegen anhaltender Kapitalverkehrskontrollen zum eigenständigen Markt (“Standalone Market) herabgestuft. Dadurch sind argentinische Unternehmen aktuell nicht mehr im MSCI Emerging Markets Index vertreten. Internationale Anleger, die in Argentinien investieren möchten, müssen daher auf Einzelaktien oder spezielle Anlageprodukte ausweichen, anstatt auf breite Schwellenländer-ETFs oder -Fonds zurückzugreifen. Wirtschaftliche Reformen könnten in Zukunft wieder zu einer Aufnahme in globale Indizes führen, aktuell bleibt Argentinien jedoch außen vor.
Diversifikation – ein zentraler Grundsatz
Auf die Frage nach der optimalen Strategie betont Christian W. Röhl die Wichtigkeit globaler Streuung: „Dies lässt sich mit einem Produkt wie dem MSCI All Country World Index sehr gut umsetzen.“ Wer im Portfolio gezielt Emerging Markets oder einzelne Länder über- und untergewichten möchte, kann dies modular tun, beispielsweise durch Beimischung eines Emerging Markets Ex China-Produkts, so Röhl weiter.
Analysten ergänzen diese Einschätzung: Flossbach von Storch hebt hervor, dass sinkende Inflationsraten der EZB in den vergangenen Quartalen wiederholt Zinssenkungen und eine lockerere Geldpolitik ermöglicht haben. Damit ergab sich für die Zentralbank zusätzlicher Handlungsspielraum, wenngleich die Bundesbank betont, dass die geldpolitische Arbeit fortlaufend an neue Risiken angepasst werden müsse.
Emerging Markets: Technologie, China und Lateinamerika im Fokus | Börse Stuttgart
Im Fokus des Videos stehen Technologie als Wachstumstreiber, die Rolle Chinas im globalen Markt, die Entwicklungen in der Chipindustrie sowie das Potenzial von Lateinamerika und Ländern wie Argentinien und Mexiko. Außerdem geht es um Bewertungen, politische Risiken und die Frage, wie stark Emerging Markets im Depot gewichtet sein sollten. Welche Länder bieten echte Chancen? Wo lauern strukturelle Probleme? Und wie beeinflussen die USA die Kapitalströme in Schwellenländer?
► Darum geht's im Video: Emerging Markets spielen für viele Anleger eine wichtige Rolle im Portfolio – doch lohnen sich Investitionen in Schwellenländer heute noch? Gemeinsam mit C. W. Röhl (Investor & Buchautor) spricht Richard „Richy“ Dittrich (Boerse Stuttgart Group) über die Chancen und Risiken in den Emerging Markets.
Fazit: Chancen und Risiken im Blick behalten
Emerging Markets bieten 2026 Chancen – von Wachstumssektoren wie KI und Halbleitern bis zu vergleichsweise niedrige Bewertungen in ausgewählten Regionen. Risiken bestehen vor allem bei politischen Interventionen, rechtlichen Strukturen sowie Überkapazitäten in einzelnen Branchen. Christian W. Röhl bringt es auf den Punkt: „Gerade das macht Diversifikation so wichtig – denn nicht immer läuft eine Region oder Branche wie erwartet.“ Breite Streuung, regelmäßige Überprüfung und eine nüchterne Einschätzung der eigenen Risikotoleranz sind daher für eine nachhaltige Schwellenländer-Strategie unerlässlich.
Weitere Informationen
Marx, Julian (Flossbach von Storch): Bonds in the Spotlight. Ist die EZB schon am Ziel? (zuletzt abgerufen am: 24.02.2026).
